Der bessere Hund

von sebschulz2013

Es beginnt im Herbst, Ende November.
Regen. Depressionswetter. Ich sitze nach der Arbeit allein in meiner Wohnung vor dem Computer und fühle mich einsam. So geht das schon seit Monaten, aber heute ist es fast unerträglich. Ich überlege sogar ernsthaft, einem Chor beizutreten oder einer Partei, um ein wenig unter Leute zu kommen. So schlimm steht es um mich. Ich weiß, dass es so nicht weitergehen kann. Ich muss dringend etwas unternehmen.
Problem: Ich mag eigentlich keine Menschen und abends habe ich ganz gern meine Ruhe. Nicht gerade die besten Voraussetzungen.
Als kurzfristige Lösung des Problems entscheide ich mich dafür, meine Einsamkeit in Bier zu ertränken. Ich gehe nochmal raus, zum Kiosk, kaufe drei Halbliterflaschen. Auf dem Rückweg kommt mir ein alter Mann mit Hund entgegen. Als wir aneinander vorbeilaufen, höre ich, wie der Mann etwas zu seinem Hund sagt.
„Komm jetzt Charlie, los. Daheim gibt’s was Schönes zu essen. Und dann fernsehen. Heute kommt Fußball. Champions League. Fußball magst du doch.“
Ich drehe mich um und sehe dem Mann hinterher, bis er mit seinem Hund in einem Hauseingang verschwindet. Als ich weitergehe, weiß ich, was zu tun ist: Ein Hund muss her! Warum ist mir das nicht früher eingefallen!
Daheim trinke ich Bier und schaue mir das Fußballspiel an. Dabei stelle ich mir vor, dass neben mir ein Hund auf dem Sofa liegt. Ein gutes Gefühl, das aber nicht besonders lange anhält. Während die zweite Halbzeit läuft, kommen mir die ersten Zweifel daran, ob ich wirklich einen Hund will. Fast im Minutentakt fallen mir Gründe ein, die dagegen sprechen. Hunde machen Dreck und stinken oft. Außerdem muss man sie versorgen. Futter kaufen, Trinken nachfüllen, Arztbesuche. Das alles kostet Geld. Dann das ständige Gassi gehen, ein Alptraum! Hundescheiße eintüten und zum nächsten Mülleimer bringen muss man auch, wenn man nicht von den ganzen selbsternannten Hundescheißenazis belehrt werden möchte. Steuern zahlen muss man auch noch. Und Hunde bellen oft oder winseln, wenn sie was wollen. Darauf habe ich mal überhaupt keine Lust. Und das Schlimmste: Wenn man mit Hunden draußen ist, wird man oft von anderen Hundebesitzern angesprochen, dann muss man sich unterhalten.
Ich liege die ganze Nacht wach.
Am Morgen entscheide ich mich: Ich will keinen Hund.
Am Abend sitze ich wieder da und fühle mich einsam. Ich trinke wieder Bier, aber es hilft nicht, im Gegenteil. Ich versuche meine Schwester anzurufen, aber sie geht nicht ran. Ich versuche einen alten Kumpel anzurufen, den ich seit zehn Jahren nicht gesehen habe, aber die Nummer existiert nicht mehr. Ich surfe durchs Internet, checke E-Mails. Keiner schreibt mir. Ich schaue mir YouTube Videos an. Einzelne Filmszenen aus meinen Lieblingskomödien. Das macht es noch schlimmer. Ich gehe eine Runde um den Block, kaufe und trinke noch mehr Bier. Danach fühle ich mich so einsam wie nie zuvor in meinem Leben. Es muss jetzt etwas passieren.
Vielleicht doch ein Hund?
Nein.
Oder doch?
Nein. Zu aufwändig.
Ein Roboterhund, das wäre was.
Einer, der den ganzen Tag auf dem Sofa sitzt, mit dem Schwanz wedelt, mich bewundernd anschaut und meine Einsamkeit vertreibt, um den ich mich aber ansonsten nicht kümmern muss.
Das wäre was!
Während ich mir noch den Roboterhund vorstelle, kommt mir plötzlich eine Idee. Eine geniale Idee.
Ein ausgestopfter Hund.
Das ist es! Ein ausgestopfter Hund, warum ist mir das nicht gleich eingefallen! Bei Ebay suche ich sofort nach ausgestopften Hunden und tatsächlich: Auf Ebay ist Verlass. Es ist zwar nur ein ausgestopfter Dackel im Angebot, aber ich bin nicht wählerisch. Kostet auch nur 20 Euro. Ich bestelle.
So hat es angefangen.
Waldi ist jetzt seit einem Jahr bei mir.
Was soll ich sagen? Es war wie Liebe auf den ersten Blick.
Kein Scheiß. Ich habe mich seitdem nie mehr einsam gefühlt. Waldi leistet mir Gesellschaft und ist mir ein treuer Gefährte. Er ist immer für mich da, ohne mir in irgendeiner Weise zur Last zu fallen. Kann man sich etwas Schöneres wünschen?
Ich habe meine Kaufentscheidung keinen einzigen Tag bereut! Im Gegenteil: Ich bin gottfroh, dass ich nicht den Fehler gemacht habe, einen lebendigen Hund zu kaufen. Fast wäre ich in diese Falle getappt, in die unzählige vereinsamte Menschen vor mir getappt sind. Glauben Sie mir: Ein ausgestopfter Hund ist so viel besser und bietet Vorteile, von denen die Besitzer lebendiger Hunde nur träumen können.
Ganz klar: Wenn ich Waldi in Punkten bewerten müsste, würde ich ihm fünf von fünf Punkten geben. Ein ausgestopfter Hund bietet alle Vorzüge eines lebendigen Hundes. Darüber hinaus jedoch hat er im Direktvergleich ganz klar die Nase vorn! Gerne möchte ich das kurz im Einzelnen erläutern:
1)    Ein ausgestopfter Hund stirbt nicht, begleitet einen also ein Leben lang! Was will man mehr, gibt es doch nichts traurigeres, als den geliebten Vierbeiner zu Grabe zu tragen bzw. zum Arzt, um ihn einschläfern zu lassen. Ein weiterer Pluspunkt: Wenn man selbst stirbt, braucht man sich keine Gedanken darüber zu machen, was mit dem Hund passiert.
2)    Ein ausgestopfter Hund ist billig im Unterhalt! Nach den Anschaffungskosten fallen keine weiteren Kosten für Futter oder Arztbesuche an.
3)    Ein ausgestopfter Hund ist pflegeleicht. Ab und an muss man ihn abstauben, aber das war es auch schon.
4)    Ein ausgestopfter Hund ist sauber! Er verliert keine Haare, schleppt keinen Dreck ins Haus und scheißt nicht in die Gegend.
5)    Ein ausgestopfter Hund wird niemals krank! Man muss sich also nie Sorgen um seine Gesundheit machen oder mit ihm zum Arzt gehen.
6)    Ein ausgestopfter Hund ist ruhig! Egal was auch passiert: Ihr Hund behält die Ruhe. Das ist allerdings auch sein einziger Nachteil, weil er sich nur bedingt zur Abschreckung von Einbrechern eignet.
7)    Ein ausgestopfter Hund lässt sich leicht entsorgen! Angenommen, Sie haben genug von dem Hund, dann brauchen Sie kein schlechtes Gewissen zu haben, ihn im Keller zu verstauen oder gleich in den Müll zu stecken. Ausgestopfte Hunde sind also zum Beispiel genau das Richtige für Kleinkinder, die einen Hund wollen, der dann aber oft nach wenigen Wochen im Tierheim landet.
8)    Ein ausgestopfter Hund ist das perfekte Geschenk! Im Gegensatz zu einem lebendigen Hund kann man ihn nämlich in Geschenkpapier verpacken oder als Paket versenden.

Fazit: Ein ausgestopfter Hund ist der bessere Hund und eignet sich perfekt für den anspruchsvollen Hundeliebhaber. Habe ich Sie überzeugen können? Dann besorgen auch Sie sich einen ausgestopften Hund! Sie werden es nicht bereuen.
Kleiner Tipp zum Abschluss: Falls Sie schon einen lebendigen Hund haben, verschenken Sie ihn an unliebsame Verwandte. Oder Sie lassen ihn ausstopfen, wenn er stirbt – eine elegante Lösung, die mit Sicherheit Schule machen wird. 

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