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Hier schreibt Schulz über den täglichen Wahnsinn

Monat: Januar, 2014

Der Käsezombie

Im Zug von Köln nach Stuttgart. Zweite Klasse Fenster. Abteil überhitzt. Neben mir ein seltsamer Typ. Ist in Frankfurt Flughafen zugestiegen und starrt seitdem einfach nur stumpf vor sich hin. Riechen tut er auch komisch. Nach Gewölbekeller. Irgendwie schimmlig. Naja. Muss ihn nicht mehr lange ertragen. Noch fünf Minuten bis Stuttgart Hauptbahnhof.
Da fällt mir ein, dass ich noch ein Käsebrot als Proviant dabeihabe. Mit richtigem Stinkekäse aus Frankreich belegt, schön cremig. Hatte ich ganz vergessen. Ich hole das in Frischhaltefolie eingewickelte Stinkekäsebrot aus meinem Rucksack und packe es aus. Da ertönt neben mir ein leises Stöhnen. Ich linse nach rechts. Der Typ starrt mich mit blutunterlaufenen Augen an.
„Ist was?“, frage ich.
„Käse“, sagt er.
„Ja, echter Stinkekäse aus Frankreich. Lecker.“
„Käääse.“
Ich drehe mich weg. Der Typ ist nicht ganz sauber. Egal. Noch vier Minuten bis Stuttgart.
„Könnte ich…“, sagt er und rückt näher an mich heran.
„Was denn?“, sage ich.
„Könnte ich ein Stückchen Käse?“, sagt er. Dabei entblößt er zwei Reihen plattgekauter Zahnruinen und behaucht mich mit Schimmelatem.
„Äh, nein“, sage ich und drehe mich weg, zum Fenster. Der Typ stößt ein kehliges Röcheln aus. Langsam bekomme ich Angst.
„Käääse“, gurgelt es neben mir. „Käääääääse!“
Jetzt bekomme ich ziemlich schnell Angst. Aber eigentlich kann ja nichts passieren, das ganze Abteil ist voller Leute. Eigentlich.
„Kääääääse!“
Der Typ klappert mit seinen Zahnruinen und rückt noch näher an mich heran. Ich drehe mich zu ihm hin, nehme all meinen Mut zusammen. Jetzt heißt es Stärke zeigen.
„Lassen Sie mich in Ruhe! Sie bekommen nichts von meinem Stinkekäsebrot!“
Der Typ macht kurz ein beleidigtes Gesicht und ich entspanne mich, dann aber zuckt er kobraartig nach vorne. Gierig reißt er seine Kiefer auseinander, schnappt zu, verbeißt sich in mein Käsebrot, zerrt es mir aus der Hand.
Ich lasse los, weiche zurück. Springe panisch auf meinen Sitz. Wirble mit den Fäusten vor mir in der Luft herum, während der Typ mein Stinkekäsebrot am Stück in sich hineinschlingt. Das Ganze dauert nur den Bruchteil einer Sekunde. Kurzes Fressgeräusch, noch kürzeres Schmatzen, noch noch kürzeres wohliges Grunzen, dann ist es schon vorbei.
Der Typ lehnt sich zurück, als wäre nichts gewesen. Sitzt im Nu wieder vollkommen leblos da, als wäre nichts gewesen. Stiert vor sich hin, als wäre nichts gewesen.
Ich stehe da. Kann es nicht fassen. Die Sau hat mir gerade mein Stinkekäsebrot weggefressen!
Dann merke ich, wie alle mich anstarren. Alle. Das ganze Abteil. Ich höre sie tuscheln.
„Mama, ist der Mann verrückt?“
„Warum schreit der so?“
„Völlig durchgeknallt.“
„Drogen.“
Was geht hier vor sich? Außer mir scheint niemand mitbekommen zu haben, was da eben passiert ist. Und jetzt bin ich der Depp? Was geht denn ab?
Der Zug fährt in Stuttgart ein. Sofort allgemeine Betriebsamkeit. Auch der Typ steht auf und entfernt sich mit schlurfenden Schritten, vollkommen entspannt und ohne mich eines Blickes zu würdigen.
Ich steige von meinem Sitz. Packe mit zittrigen Fingern meine Sachen. Gehe unter den mitleidigen und verächtlichen Blicken der anderen Reisenden in die andere Richtung, steige aus, denke: Ist das gerade wirklich passiert?

Bibelrezension

Normalerweise schmeiße ich keine Bücher weg, aber in diesem Fall konnte ich einfach nicht anders. Ich habe die noch fast neue Bibel in den Müll geworfen. Nicht einmal in den Papiermüll, sondern in den Restmüll, zu den Eierschalen und Fischresten. Das ist mir nicht leicht gefallen, ganz und gar nicht leicht, aber es musste sein. Da schreiben doch tatsächlich einige Möchtegernautoren Satz für Satz den reinsten Unsinn. Das ganze Buch ist eine schamlose Aneinanderreihung von schlecht recherchierten und veralteten Fakten, pseudointelligentem Halbwissen und schlichtweg erfundenen Lügen. Vom sprachlichen Niveau mal ganz zu schweigen. Kurz: Ein Haufen Mist. Das mag hart klingen, ist aber noch gemäßigt im Vergleich zu dem, was mir beim Lesen durch den Kopf ging. Ich sage es ehrlich: Ich fühle mich getäuscht und abgezockt. Auf einer Skala würde ich diesem Schund 0 von 5 möglichen Sternen geben. Vor allem auch der Preis ist unverschämt, wobei man hier fairerweise sagen muss, dass es auch eine billigere Taschenbuchausgabe gibt.
Der Klappentext hatte so viel versprochen und mir so viel Hoffnung gemacht. „Dieses Buch begleitet Sie auf dem Weg zu einem besseren Leben“ und der ganze Scheiß. Nichts davon wurde erfüllt.
Ich kann also allen anderen Leichtgläubigen nur davon abraten, ein Exemplar der „Bauchmuskel-Sixpack-Bibel“ zu kaufen. Es lohnt sich nicht. Die ganzen achsotollen Tipps darin helfen null, es sei denn man ist eh schon Profisportler. Mein ganzes Bauchfett ist noch da und kein einziges winziges Müskelchen ist nach sechs Wochen Training zu erkennen. Reine Zeitverschwendung also das Ganze!

Die Whiskyverkostung

Wir sehen einen Mann, der in einem Ohrensessel sitzt. Vor ihm, auf einem kleinen Tisch, stehen eine Flasche Whisky und ein Glas. Der Mann betrachtet den Whisky und leckt sich die Lippen. Dann greift er nach der Flasche und öffnet sie. Mit einem kaum hörbaren plopp löst sich der Korken vom Flaschenhals. Der Mann riecht am Korken, macht ein verzücktes Gesicht und legt ihn beiseite. Dann schenkt er ein, zwei Fingerbreit.
Er nimmt nun das Glas, schwenkt es und beobachtet, wie der Whisky darin schwappt und Schlieren zieht. Er nickt zufrieden. Dann führt er das Glas an seine Nase und beginnt zu schnüffeln.
„Jetzt wollen wir mal sehen. Teuer war die Flasche ja, hmmm, ausgezeichnet.“
Der Mann blickt kurz in den leeren Raum und setzt eine Kennermiene auf.
„Meine Damen und Herren, ich werde nun diesen Whisky verkosten. Ich bitte um absolute Ruhe, damit ich mich konzentrieren kann.“
Er schnüffelt weiter, führt das Glas vom linken ans rechte Nasenloch und wieder zurück. So geht das einige Male, dann beginnt er abwägend mit dem Kopf zu wackeln.
„Ja, ganz eindeutig süß mit viel Vanille und Honig, aber auch leicht medizinisch, eine perfekte Balance. Dazu ein Anflug von frischem Heu oder Gras, wie ein frisch gemähter Rasen im Frühling. Hmm. Da! Leder, aber was für ein Leder, Moment, ja, ich glaube, nein, ich lege mich fest: Kalbsleder. Wunderbar. Gehen wir nun eine Geruchsebene tiefer. Da ist Malz, ganz klar, sehr viel Malz, aber da sind auch Nussaromen, nicht ganz leicht zu identifizieren für ungeübte Nasen. Ganz prominent die Byzantiner Königsnüsse, aber daneben, schön dezent und elegant, leicht angeröstete und gesalzene Erdnüsse. Ebenso ein Hauch, aber wirklich nur ein Hauch von frischen Kartoffelchips, Geschmacksrichtung irgendwo zwischen ungarisch und orientalisch mit klarer Tendenz in den vorderasiatischen Raum.“
Der Mann schnüffelt nun noch intensiver und gibt dabei wohlige Laute von sich.
„Meine Damen und Herren! Harz, hmja, von der Tanne, geographisch sicherlich dem Schwarzwald zuzuordnen, das Ganze kunstvoll unterlegt von leicht ranziger Butter von der Freilandkuh, das ist wirklich außergewöhnlich, hm, ja, also das, ich muss schon sagen, oooch, und jetzt aber, da!, Beerenaroma, ganz intensiv. Gleich dahinter kommt jetzt dunkle Schokolade ins Spiel, mächtig drängt sie nach vorne, circa 82 Prozent Kakaoanteil, ich schwanke noch, aber ich glaube doch mit einiger Sicherheit: Schweizer Schokolade, oh Gott was für ein Aroma! Unerhört! Hmm. Hmmm! Was ist da noch? Da, ganz weit hinten, gleich, gleich, ich komm gleich drauf!“
Der Mann schnüffelt nun wie besessen. Dabei stößt er seine Nase immer wieder tief ins Whiskyglas hinein und grunzt rhythmisch dazu.
„Jetzt – entfaltet – der Whisky – seine ganze – Herrlichkeit – Da sind Autolack – altes Blumenwasser – faulige Birnen – Seeluft – Fisch – Thunfisch – aus der Dose – Nein – Hering – Hering! – oh gottohgott das wird ja immer besser – Daneben Stallgeruch – das ist einfach! – Ziegenstall – mon Dieu! – Da! – Da ist noch ein Geruch, ein letzter Geruch, gleich, gleich hab ich ihn, komm zu mir, komm her, komm, ja ja ja, jetzt gleich, jetzt, oh Gott!“
Der Mann hält inne, ein irres Lächeln im Gesicht. Er atmet schwer. Schwitzt. Dann fällt alle Anspannung von ihm ab.
„Rosenkohl“, sagt er, ganz leise, kaum hörbar.
Der Mann erwacht wie aus einem langen Traum. Er räuspert sich und lächelt unsicher.
„Alles in allem sehr komplex“, sagt er mit zittriger Stimme und schaut in den Raum, als säße dort ein Publikum, das gleich applaudieren wird. Der Mann wirkt, als wolle er die Sache nun schnell zu Ende bringen.
„So“, sagt er, „Dann wollen wir nun aber auch probieren.“
Er leert das Glas in einem Zug, gurgelt kurz, dann schnalzt er mit der Zunge. „Wirklich außergewöhnlich.“
Der Mann steht auf und verbeugt sich. „Danke, danke“, murmelt er. Dann verlässt er das Zimmer. Beim Rausgehen macht er das Licht aus. Es wird dunkel.