Der Käsezombie

von sebschulz2013

Im Zug von Köln nach Stuttgart. Zweite Klasse Fenster. Abteil überhitzt. Neben mir ein seltsamer Typ. Ist in Frankfurt Flughafen zugestiegen und starrt seitdem einfach nur stumpf vor sich hin. Riechen tut er auch komisch. Nach Gewölbekeller. Irgendwie schimmlig. Naja. Muss ihn nicht mehr lange ertragen. Noch fünf Minuten bis Stuttgart Hauptbahnhof.
Da fällt mir ein, dass ich noch ein Käsebrot als Proviant dabeihabe. Mit richtigem Stinkekäse aus Frankreich belegt, schön cremig. Hatte ich ganz vergessen. Ich hole das in Frischhaltefolie eingewickelte Stinkekäsebrot aus meinem Rucksack und packe es aus. Da ertönt neben mir ein leises Stöhnen. Ich linse nach rechts. Der Typ starrt mich mit blutunterlaufenen Augen an.
„Ist was?“, frage ich.
„Käse“, sagt er.
„Ja, echter Stinkekäse aus Frankreich. Lecker.“
„Käääse.“
Ich drehe mich weg. Der Typ ist nicht ganz sauber. Egal. Noch vier Minuten bis Stuttgart.
„Könnte ich…“, sagt er und rückt näher an mich heran.
„Was denn?“, sage ich.
„Könnte ich ein Stückchen Käse?“, sagt er. Dabei entblößt er zwei Reihen plattgekauter Zahnruinen und behaucht mich mit Schimmelatem.
„Äh, nein“, sage ich und drehe mich weg, zum Fenster. Der Typ stößt ein kehliges Röcheln aus. Langsam bekomme ich Angst.
„Käääse“, gurgelt es neben mir. „Käääääääse!“
Jetzt bekomme ich ziemlich schnell Angst. Aber eigentlich kann ja nichts passieren, das ganze Abteil ist voller Leute. Eigentlich.
„Kääääääse!“
Der Typ klappert mit seinen Zahnruinen und rückt noch näher an mich heran. Ich drehe mich zu ihm hin, nehme all meinen Mut zusammen. Jetzt heißt es Stärke zeigen.
„Lassen Sie mich in Ruhe! Sie bekommen nichts von meinem Stinkekäsebrot!“
Der Typ macht kurz ein beleidigtes Gesicht und ich entspanne mich, dann aber zuckt er kobraartig nach vorne. Gierig reißt er seine Kiefer auseinander, schnappt zu, verbeißt sich in mein Käsebrot, zerrt es mir aus der Hand.
Ich lasse los, weiche zurück. Springe panisch auf meinen Sitz. Wirble mit den Fäusten vor mir in der Luft herum, während der Typ mein Stinkekäsebrot am Stück in sich hineinschlingt. Das Ganze dauert nur den Bruchteil einer Sekunde. Kurzes Fressgeräusch, noch kürzeres Schmatzen, noch noch kürzeres wohliges Grunzen, dann ist es schon vorbei.
Der Typ lehnt sich zurück, als wäre nichts gewesen. Sitzt im Nu wieder vollkommen leblos da, als wäre nichts gewesen. Stiert vor sich hin, als wäre nichts gewesen.
Ich stehe da. Kann es nicht fassen. Die Sau hat mir gerade mein Stinkekäsebrot weggefressen!
Dann merke ich, wie alle mich anstarren. Alle. Das ganze Abteil. Ich höre sie tuscheln.
„Mama, ist der Mann verrückt?“
„Warum schreit der so?“
„Völlig durchgeknallt.“
„Drogen.“
Was geht hier vor sich? Außer mir scheint niemand mitbekommen zu haben, was da eben passiert ist. Und jetzt bin ich der Depp? Was geht denn ab?
Der Zug fährt in Stuttgart ein. Sofort allgemeine Betriebsamkeit. Auch der Typ steht auf und entfernt sich mit schlurfenden Schritten, vollkommen entspannt und ohne mich eines Blickes zu würdigen.
Ich steige von meinem Sitz. Packe mit zittrigen Fingern meine Sachen. Gehe unter den mitleidigen und verächtlichen Blicken der anderen Reisenden in die andere Richtung, steige aus, denke: Ist das gerade wirklich passiert?

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