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Hier schreibt Schulz über den täglichen Wahnsinn

Monat: Februar, 2014

Ein rauschender Empfang

Ort: Agentur für Arbeit Köln, Empfang

Schulz: „Hallo, ich bin hier um mich arbeitslos zu melden.“
AfAK: „Haben Sie studiert?“
Schulz: „Äh, ja.“
AfAK: „Sind Sie behindert?“
Schulz: „Wie?“
AfAK: „Grad der Behinderung?“
Schulz: „Ich bin nicht behindert.“
AfAK: „Nicht behindert. Gehen Sie in die zweite Etage, folgen Sie den gelben Fußspuren am Boden. Sie werden automatisch aufgerufen.“
Schulz und AfAK schweigen und sehen sich an.
AfAK: „Der Nächste!“
Schulz macht Platz und geht in die zweite Etage.
Dort folgt er den gelben Fußspuren.

Hauptsache Fleisch

Was darf’s sein?
Rindersteak.
Filet?
Gerne.
Da haben wir eine große Auswahl.
Deswegen bin ich hier.
Das hört man gerne. Na dann wollen wir mal. Unser Gourmet-Angebot wäre das Filet vom Wagyu Beef, etwas ganz Besonderes aus Neuseeland. Manche sagen: Das beste Beef der Welt. Das Rind wurde bis zur Schlachtung täglich von Hand massiert und mit klassischer Musik beschallt. Beachten Sie die sehr feine Marmorierung aus kleinsten Fettäderchen, die schmelzen wenn Sie es braten und machen das Fleisch unglaublich zart und saftig. Wirklich ein unvergessliches Geschmackserlebnis.
Hört sich gut an. Kostet?
Das Kilo zu 350 Euro.
Wie bitte?
Ja, das hat seinen Preis. Aber keine Sorge: Wir haben für jeden Geschmack und Geldbeutel das Passende.
Dann mal weiter.
Sehr gerne. Eine Kategorie unter dem Wagyu Beef wäre das Utzeltaler  Beef, eine Rarität aus den österreichischen Alpen. Sehen Sie mal wie schön das leuchtet. Die Rinder wurden täglich maschinell für eine halbe Stunde massiert und mit klassischen Volksliedern beschallt. Das Fleisch stammt vom noch jungen Weiderind. Ausgesprochen würzig und aromatisch, ein echter Gaumenschmaus und – wenn ich das sagen darf – mein persönlicher Favorit. Das finden Sie auch auf den Speisekarten von Gourmet-Restaurants auf der ganzen Welt.
Verlockend. Aber ich traue mich kaum zu fragen…
Das Kilo wäre hier bei 150 Euro, ein sehr gutes Preis-Leistungsverhältnis.
Das mag sein, aber ich fürchte, dass das meine Mittel übersteigt. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, das Fleisch ist bestimmt toll, aber…
Kein Problem. Absolut kein Problem. Sie sind der Kunde. Wir finden schon das Passende für Sie. In welcher Preiskategorie darf ich Ihnen etwas anbieten? Bis 50 Euro das Kilo?
Weniger wäre besser.
40 Euro das Kilo?
Hm.
30?
Hm.
20?
Mm.
10?
Das wäre natürlich…haben Sie in dieser Preisklasse denn etwas, das Sie empfehlen können?
Aber selbstverständlich, ich kann alles was Sie hier sehen empfehlen. Lassen Sie mich mal sehen, ah ja hier hinten, schauen Sie mal. Nicht abschrecken lassen vom Anblick.
Das grünlich-gelbe Stück Fleisch?
Genau, haha, jetzt wo Sie’s sagen. Aber keine Angst, sieht nach dem braten gut aus und schmeckt wunderbar. Ist natürlich keine Gourmet-Qualität. Eher was für Leute die sagen: Hauptsache Fleisch. Zartheit und Saftigkeit spielen hier eine eher untergeordnete Rolle, das etwas strenge Aroma lässt sich aber mit ein wenig Übung und Improvisationstalent durch Soßen und Gewürze verschleiern. Etwas für ambitionierte Hobbyköche sozusagen. Was meinen Sie, wäre das was?
Wurde das Rind auch massiert und beschallt, haha?
Haha! Massiert von den Brettern seines engen Verschlags, beschallt durch das Schmerzgebrüll seiner Leidensgenossen. Einmal täglich vollautomatisch vollgepumpt mit Medikamenten. Und Tageslicht hat das Tier natürlich auch nie gesehen.
W-w-was?
War ein Witz.
Ach so, haha.
Haha. Obwohl: Eigentlich war’s kein Witz.
Na ja, wenn das so ist, vielleicht gehe ich dann doch eine Kategorie höher…
Das Kilo kostet hier aber nur 5,99, perfekt auf Ihr Budget abgestimmt also.
Was, so günstig? Das ist ganz nach meinem Geschmack, also gut, Sie haben mich überzeugt. Ich nehme zwei große Stücke.
Ein zufriedener Kunde mehr, das freut mich!
Mich auch!
Na dann: Guten Hunger!

Ein sehr kurzes Gespräch

„Früher war alles besser“, sagt sie zu ihm.
„Auch Ihr Mundgeruch?“, sagt er zu ihr.