schulzschreibt

Hier schreibt Schulz über den täglichen Wahnsinn

Monat: März, 2014

Das Verwöhnzarte

Mit Alter und Einkommen wachsen die Ansprüche. Früher habe ich zum Beispiel einfach Klopapier gekauft, Hauptsache billig. Über die Qualität habe ich mir nie Gedanken gemacht. Heute ist das anders, heute kommt mir nicht mehr jedes beliebige Klopapier ins Haus, das tue ich mir und meinen Gästen nicht an.

Das Papier meines Vertrauens verdient die Bezeichnung Klopapier nicht, Toilettenpapier ist auch nicht richtig, Hygienepapier schon treffender. Aber am liebsten nenne ich es das Verwöhnzarte, denn so heißt es auch ganz offiziell. Ich mache hier ja häufiger mal Schleichwerbung, für ausgestopfte Hunde und andere nützliche Dinge. Das Verwöhnzarte ist für mich aber eine echte Herzensangelegenheit, eine Bereicherung des Alltags.

Jeden Morgen, wenn ich auf dem Pott sitze und mein Geschäft mache, freue ich mich auf das ganz besondere Abwischerlebnis, das mich gleich erwartet und das eigentlich nur als verwöhnende Sinnesreise bezeichnet werden kann. Bereits in der Hand ist das Verwöhnzarte nie rau oder unangenehm, sondern genau richtig zart, verwöhnzart eben. Und dann das Gefühl auf der empfindlichen Haut des Hinterns! Ein Genuss. Das Verwöhnzarte schmeichelt der strapazierten Haut und beseitigt dabei sicher und schonend alle Spuren. Das Geheimnis dahinter: Vier besonders weiche Zellstoffe, ein Hauch Mandelmilch und zarter Mandelduft – diese unwiderstehliche Kombination machen das Verwöhnzarte so traumhaft weich und duftend. Sehr sehr schön ist auch das Design: Das Verwöhnzarte ist 4-lagig und das gold-schimmernde Muster der eleganten Prägung verleiht ihm auch optisch die passend luxuriöse Note.

In der Fachzeitschrift Lebensmittel Praxis, einem von der Industrie vollkommen unabhängigen Blatt, wurde das Verwöhnzarte gerade im Rahmen einer Verbraucherbefragung als Produkt des Jahres ausgezeichnet. Das Verwöhnzarte erzielte die Goldplatzierung in der Warengruppe „Hygienepapiere“. Zu Recht.

Gönnen auch Sie sich eine Streicheleinheit für ein gutes Gefühl. Sie sind es wert!

Anmerkung: Die meisten der hier verwendeten Formulierungen habe ich unverändert von der Hersteller-Website übernommen, da ich es einfach nicht besser formulieren konnte. Danke für dieses tolle Produkt.

Goodbye PÖ

Gestern war ich auf der Beerdigung von PÖ. Ich war der einzige dort, außer dem Pfarrer. PÖ war wohl ziemlich allein. Wir standen im Regen und brachten es hinter uns. Schön war es nicht. Musste aber sein. PÖ hat ihre Zigaretten und Zeitschriften jahrelang bei mir am Kiosk gekauft. War immer loyal.

PÖ ist 84 geworden. Ihr richtige Name war Angela. In meinem Kopf war sie aber immer nur PÖ, kurz für Pissömi, weil sie eben eine Oma war und immer leicht nach Urin gerochen hat. Gesagt habe ich ihr das natürlich nie.

Ich und PÖ haben uns immer gut verstanden, hatten immer was zu lachen, so zwischen Tür und Angel, wenn man kurz ins Gespräch kam. Manchmal hat sie mir sogar selbst gebackenen Kuchen mitgebracht. Habe ich aber nie essen können, wegen dem Urin.

PÖ ist die Treppe runtergefallen und hat sich das Genick gebrochen. Ich glaube aber, dass sie ein wenig beim Fallen nachgeholfen hat. Sie hatte alle Lust am Leben verloren, war schwer krank, dement oder Alzheimer, irgendwie so etwas, hat immer mehr vergessen und lief ziemlich verwirrt durch die Gegend. Einmal habe ich den Krankenwagen gerufen, als sie bei mir im Kiosk stand und weinte. Ich wollte sie in den Arm nehmen, hab es aber nicht geschafft. Nachher habe ich mich deswegen erbärmlich gefühlt.

Wie gesagt, PÖ war schwer krank. Aber die Freude am Leben hat sie schon früher verloren, als ihr Hund gestorben ist, der Henry. Den hat sie vor Jahren im Park gefunden. Hatte jemand in eine Mülltonne geworfen, ein kleines Hundewelpen, das muss man sich vorstellen. Sie hat ihn gerettet und aufgepeppelt. Der Henry war dann so etwas wie ihr bester Freund, treuer Gefährte, wie man so sagt, eigentlich war der Henry der PÖ ihr Ein und Alles. Irgendwie traurig, aber auch irgendwie rührend.

Henry starb langsam vor sich hin, über mehr als zwei Jahre zog sich das. Die Haare fielen ihm aus, dann die Zähne, dann einfach alles was irgendwie ausfallen kann. Und dann ist er auch noch blind geworden und hat angefangen zu stinken, nach Tod und Verwesung. Aber PÖ hat immer zu ihm gehalten. Zuletzt hat sie ihn getragen. Als es zu schlimm wurde, hat sie ihn einschläfern lassen. Ich habe PÖ damals einen Schnaps spendiert und mit ihr auf Henry angestoßen. Grüß mir die Sonne, Henry. Das habe ich gesagt und PÖ hat geweint und ein bisschen gelacht. Nachher waren wir ziemlich angetrunken.

Von dem Zeitpunkt an ging es mit PÖ so richtig steil bergab. Ich glaube nicht, dass es Zufall war, dass sie angefangen hat, alles zu vergessen. Sie wollte Henrys Tod vergessen, den hat sie nicht verkraftet.

Ich glaube es war kurz vor Ostern, als PÖ zu mir in den Kiosk kam und gefragt hat, ob ich den Henry gesehen habe. Da war der Henry aber schon zwei Jahre tot. Das konnte ich PÖ aber nicht sagen, weil sie doch so verzweifelt war. Habe ich nicht übers Herz gebracht oder war zu feige, eins von beiden. Stattdessen habe ich gefragt, ob der Henry weggelaufen sei. PÖ hat genickt und geweint und sich Sorgen um den Henry gemacht, der ganz allein durch das Viertel lief und vielleicht von einem Auto überfahren wurde. Da habe ich ihr gesagt, dass wir den Henry suchen gehen und das haben wir dann auch getan. Ich habe den Kiosk geschlossen und bin mit PÖ eine Stunde durchs Viertel gelaufen. Dabei haben wir Henrys Namen gerufen. Ziemlich schnell wollte PÖ dann aber nach Hause. Und der Henry?, habe ich gefragt. Da hat sie mich nur fragend angesehen. Der Henry? Wer soll das sein?

Goodbye PÖ. Grüß mir die Sonne. Ich trink auf dich.

Wer nicht lesen will…

… kann hören! Richtig gelesen: Ab sofort kann man schulzschreibt auch anhören. Beim Kochen, in der Badewanne, auf dem Sofa oder von unterwegs, z.B. wenn man mit seinem ausgestopften Hund gerade Gassi geht und einen die Langeweile überkommt. Der Schauspieler Steffen Lehmann spricht jetzt und in Zukunft ausgewählte Texte vom ollen Schulz. Die perfekte Ergänzung zum Text sozusagen, genauso gut wie Ketchup zu Fritten.
Wo kann man’s lesen? Natürlich auf Steffen Lehmanns eigenem Blog www.lehmannspricht.de.
Lohnt es sich, den Blog zu abonnieren? Unbedingt!
Beantworte ich gerade meine eigenen Fragen? Ja!
Also: Reinhören und gut unterhalten fühlen. Und wer nicht hören will, kann ja weiterhin lesen. Bald gibt’s auch einen neuen Text.

Alaaf aus Köln…