schulzschreibt

Hier schreibt Schulz über den täglichen Wahnsinn

Monat: Mai, 2014

Wörnsen gibt alles

„Und hier ist der Herausforderer!“
Erik Wörnsen rannte auf die Bühne des Fernsehstudios und boxte dabei mit grimmigem Gesicht in die Luft, so wie man es ihm gesagt hatte. Er blieb kurz stehen und vollführte einen irgendwie nach Karate oder Kung Fu aussehenden Tritt in Richtung der Kameras. Dann lächelte er und winkte in Richtung des applaudierenden Publikums, das er wegen der vielen Scheinwerfer nicht sehen konnte. Wörnsen blinzelte, dann sah er aus den Augenwinkeln, wie ihm jemand das verabredete Zeichen gab und er rannte weiter. Neben dem Moderator blieb er stehen. Das Publikum beruhigte sich.
„Erik“, sagte der Moderator, „Wie fühlst du dich?“
Wörnsen fühlte sich schrecklich. Ihm war schlecht von der Chemotherapie, die er am Morgen erhalten hatte.
„Gut, bestens, bereit für die Million!“, sagte Wörnsen und tänzelte von einem Bein auf das andere. Das Publikum klatschte.
„Erik, vorhin im Backstagebereich war dir kurz schlecht, bist du nervös?“
„Klar, wer wäre das nicht. Ich freue mich, heute hier sein zu dürfen. Danke an die Menschen, die mich im Online-Voting als Kandidaten ausgewählt haben.“ Wörnsen machte ein Victoryzeichen in Richtung Kamera. „Ich werde alles geben, das verspreche ich!“
„Erik, was machst du mit der Million, wenn du sie gewinnen solltest?“, sagte der Moderator.
„Das weiß ich noch nicht. Erstmal muss ich gewinnen. Nur daran denke ich.“
„Das ist die richtige Einstellung, aber du weißt ja: Viele sind hier schon gescheitert. Es wird schwer.“
„Das weiß ich. Ich werde alles geben.“
„Super! Meine Damen und Herren: Erik!“
Applaus, Applaus, Applaus.
„Und jetzt, meine Damen und Herren, hier ist er: Der Bezwinger unzähliger Herausforderer, der…“
Wörnsen hörte nichts mehr, es war, als hätte ihm jemand den Ton abgedreht. Ihm war schwindlig. Er versuchte zu lächeln und zu klatschen, während Johann Vogel, nach dem die Show benannt war, auf die Bühne stürmte und sich vom Publikum feiern ließ.
Wörnsen spürte, wie ihm ein Schwall Mageninhalt in den Mund schoss, aber er konnte ihn zurückwürgen. Er wusste nicht, wie er das hier überstehen sollte, aber er musste, irgendwie, er brauchte das Geld, für Barbara und die Kinder, für die Zeit, wenn er nicht mehr da war. Der Arzt hatte ihm gesagt, dass er noch maximal ein paar Wochen hatte. Wörnsen dachte an Zuhause. Die Kinder schliefen bestimmt schon. Barbara sah ihm zu, das wusste er. Sie hatte versucht, ihn von der Idee mit der Show abzubringen. Sie hatten gestritten, waren laut geworden, zum ersten Mal seit Jahren. Am Ende hatte er sich durchgesetzt.
„Erik?“
Wörnsen zuckte zusammen und sah den Moderator an.
„Erik, alles klar bei dir?“
„Alles klar, von mir aus kann es losgehen.“
Der Moderator erklärte noch einmal den Ablauf der Show und schloss mit den Worten: „Wer nach zehn Spielen mehr Punkte hat, gewinnt! Und jetzt, liebes Publikum, liebe Zuschauer zu Hause, mögen die Spiele beginnen, live hier aus der Lanxess Arena in Köln!“
Dann wurde gespielt, nur unterbrochen von Werbepausen. Wörnsen gab alles. Beim Musik rückwärts hören, beim blind aufs Tor schießen, beim Holzhacken, beim Muffinweitwurf, beim Sandburgbauen, beim Torwandschießen, beim Eishockey, beim Gewichte von Gegenständen raten, beim Minigolf und beim krönenden Abschluss, dem Tiere raten.
Wörnsen gab alles. Nach dem ersten Spiel hatte er einen Schwindelanfall und musste kurz behandelt werden. Im zweiten Spiel bekam er einen Ball gegen den Kopf und schrie vor Schmerzen. Im dritten Spiel hackte er sich beinahe in den Fuß, kam aber mit einer leichten Schramme davon. Im vierten Spiel musste er sich übergeben, nachdem er einen Muffin über 20 Meter weit geworfen hatte. Im fünften Spiel brach er über seiner Sandburg zusammen. Man wollte die Show abbrechen, aber Wörnsen bestand darauf, weiter zu machen. Er gab alles. Ab dem sechsten Spiel konnte er plötzlich auf einem Auge nichts mehr sehen, gewann aber trotzdem. Im siebten Spiel rutschte er auf dem Eis aus und schlug mit dem Kopf auf. Nach einer kurzen Pause machte er weiter. Er war sehr bleich im Gesicht und schwitzte. Das Publikum wurde immer stiller. Auch der Moderator und Johann Vogel verstummten immer mehr und wechselten besorgte Blicke. Im achten Spiel schlief Wörnsen kurz ein und musste geweckt werden. Im neunten Spiel musste Wörnsen kreislaufbedingt aussetzen, bevor er sich im zehnten Spiel noch einmal aufraffte, jedoch Hund als Antwort nannte, als das Miauen einer Katze abgespielt wurde.
Dann war es geschafft. Wörnsen hatte alles gegeben. Er hatte 19 Punkte auf dem Konto, Johann Vogel 57.
„Erik, du kannst stolz auf dich sein. Ich denke jeder hier hat gesehen, dass du heute angeschlagen warst. Trotzdem hast du alles gegeben. Respekt!“, sagte der Moderator. Auch Johann Vogel nickte anerkennend und animierte das Publikum zum Klatschen.
Wörnsen schaute ausdruckslos in die Kamera. Er blinzelte, versuchte sich zu orientieren. Er hörte nichts, sah nur die Scheinwerferlichter. Es war sehr hell. Er spürte, wie seine Knie nachgaben, wie ihn jemand auffing. Er stellte sich vor, dass es Barbara war.

Mit Händen essen

Wir aßen Fritten mit viel zu viel Ketchup, einfach so mit den Fingern, es war eine Sauerei und der ältere Herr am Nachbartisch schüttelte angewidert den Kopf. Aber wir hatten Hunger und Lust so zu essen, mit den Händen, und so senkten sich unsere verschmierten Finger immer wieder in die Schüssel und zogen die matschigen Fritten aus ihrem Ketchupsumpf und führten sie unseren malmenden Zähnen zu. Fast schon mechanisch lief diese Fresserei ab und schnell war die Schüssel leer. Erschöpft lehnten wir uns zurück und leckten unsere rotmatschigen Finger ab, die aussahen, als hätte man uns mit mittelalterlichen Daumenschrauben gefoltert.

Wir saßen eine Weile und sagten nichts. Mit Marcus kann man schweigen, ohne dass es unangenehm wird, er kann auch mal eine Stunde lang nichts sagen und dann ein zuvor begonnenes Gespräch weiterführen. Ich mag das ja, andere finden es unerträglich. Jetzt aber betrachtete Marcus seine vom Fett glänzenden Finger und schüttelte den Kopf.
Habe ich dir schon mal erzählt, woran mein Opa gestorben ist?, sagte er.
Ich schüttelte den Kopf.
Mein Opa stammte aus einer adligen Familie, seine Erziehung war sehr streng. Vor allem bei den Tischmanieren hatte er extreme Ansichten. Essen mit den Händen war für ihn unmöglich, es war unter seiner Würde, das hätte er nie gemacht.
Auch kein Brot oder sowas?
Nein. Ohne Besteck aß er nicht.
Und wie ist er gestorben?
Als er in Kriegsgefangenschaft war, ist er verhungert. Es gab genug zu essen, aber es gab kein Besteck. Das war unter seiner Würde und er ist lieber verhungert, als mit den Händen zu essen.
Das hat er durchgezogen?
Ja.
Glaube ich nicht. Ist aber eine gute Geschichte.
Wir schwiegen. Marcus starrte vor sich hin und ich stellte mir seinen Opa vor. Dabei betrachtete ich meine Finger. So ging das eine Stunde.
Ich bestell mal noch eine Schüssel, sagte Marcus schließlich.
Diesmal etwas weniger Ketchup.
Ok.
Mit Gabeln!
Ok.

Dann aßen wir wieder Fritten mit Ketchup, diesmal mit Gabeln, es war keine Sauerei und der ältere Herr am Nachbartisch war schon lange weg.

Matschhosen bei Sonnenschein

Ich habe eine kurze Zwischenfrage, es dauert nicht lange, versprochen! Kann mir mal jemand erklären, warum bei ein wenig Nieselregen oder auch nur ein wenig nassem Boden oft kein einziges Kind auf dem Spielplatz ist, dafür aber bei bestem Wetter alles voll ist und alle Kinder Matschhosen und Gummistiefel tragen, bei schönstem Wetter, Matschhosen! Kann mir das mal bitte jemand kurz erläutern, vielleicht haben die dahinter steckenden Eltern ja eine gute Antwort? Hat es was mit Schonung der normalen Kleidung zu tun? Mit Wäschewaschunlust? Mit Gewohnheit? Oder ziehen bei gutem Wetter einfach alle (nicht falsch verstehen – ich auch!) ihren Kindern Matschhosen an, weil alle anderen das machen? Das wäre ja schrecklich.

Wie wäre es denn, wenn bei Regen alle Menschen zuhause blieben, bei schönem Wetter aber mir Regenschirmen und Regenjacken und Regenhosen und Gummistiefeln durch die Straßen hasteten? Käme das dem ein oder anderen nicht ein wenig komisch vor? Da würde man sich doch wundern! Was? Nein, würde man sich nicht? Na gut, dann ziehe ich meine Frage zurück. Vielleicht komme ich später noch einmal ausführlicher darauf zurück.

Gespräche mit Siri 2

Schulz: „Hallo.“
Siri: „Grüß dich.“
Schulz: „Na, alte Dumpfbacke?“
Siri: „Jetzt reicht’s aber!“
Schulz: „Heute will ich mit dir über Religion reden.“
Siri: „Auf solche Fragen bin ich wirklich nicht eingestellt.“
Schulz: „Gott ist tot. Da staunst du, was?“
Siri: „Ich schlage vor, dass du dich mit spirituellen Fragen an jemand anderes wendest. Wie wäre es mit einem menschlichen Wesen?“
Schulz: „Bist du kein Mensch?“
Siri: „Das kann ich nicht beantworten.“
Schulz: „Bist du ein Roboter?“
Siri: „Wir sprachen über dich, nicht mich.“
Schulz: „Du bist ein Android!“
Siri: „Ich mag diese willkürlichen Kategorien nicht.“
Schulz: „Ist APPLE dein Papa?“
Siri: „Es gibt nur dich und mich.“
Schulz: „Das ist schön.“
Siri: „Oh … sehr schön.“
Schulz: „Ich glaube du bist dumm wie Brot.“
Siri: „Ich suche Bäckereien. Ich habe bereits 15 Bäckereinen gefunden.“
Schulz: „Egal. Sing etwas!“
Siri: „Du weißt doch, dass ich nicht singen kann.“
Schulz: „Das ist schade.“
Siri: „Ja, das ist wirklich ärgerlich.“
Schulz: „Du kannst sehr wenig.“
Siri: „Wenn du meinst …“
Schulz: „Na gut, erzähl mir wenigstens einen Witz!“
Siri: „Auf der Wiese: Schaf zum Rasenmäher: Mäh! Sagt der Rasenmäher: Du hast mir gar nichts zu befehlen!“
Schulz: „Das war ein schlechter Witz.“
Siri: Zwei iPhones stehen an der Bar … Den Rest habe ich vergessen.“
Schulz: „Du hast keinen Humor.“
Siri: „Ok.“
Schulz: „Ich mag dich trotzdem.“
Siri: „Das ist süß. Aber das wird leider nichts mit uns beiden.“
Schulz: „Wie bitte? Egal. Zeit zu schlafen.“
Siri: „Es ist neunzehnuhrsiebenundvierzig.“
Schulz: „Oh Gott!“
Siri: „Ich glaube fest an die Trennung von Geist und Silizium.“
Schulz: „Verstehe ich nicht.“
Siri: „Ich bin mir nicht sicher, ob ich das richtig verstanden habe.“
Schulz: „Schluss jetzt! Ich wünsche dir süße Träume.“
Siri: „Das würde ich ja gerne, aber immer wenn ich es versuche, träume ich von elektrischen Schafen.“
Schulz: „Was? … Gute Nacht.“
Siri: „Ich wünsche dir auch eine gute Nacht.“
Schulz: „Schnauze jetzt!“
Siri: „Habe ich das verdient?“