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Hier schreibt Schulz über den täglichen Wahnsinn

Kategorie: Kurzgeschichten

Herr P. hält die Luft an

Herr P. fährt jeden Morgen mit der U-Bahn zur Arbeit. Fünf Stationen, er hat es nicht weit. Er verlässt seine Wohnung gegen 7.30 Uhr, läuft zur Station, wartet bis die Bahn kommt, steigt ein und hält sich irgendwo fest. Freie Plätze gibt es auf dieser Strecke um diese Uhrzeit nicht. Die Menschen stehen gedrängt, berühren sich.
Herr P. hat eine sehr feine Nase. In der U-Bahn hält er deshalb die Luft an. Die Menschen um ihn herum riechen nach so vielem. Herr P. kann sehr lange die Luft anhalten.
Normalerweise muss er nur fünf oder sechs Mal Luft holen, bis er seine Zielstation erreicht und aussteigt. Wenn er mehr als fünf Mal Luft holen muss, ärgert sich Herr P., das verdirbt ihm den ganzen Vormittag, er ist dann unfreundlich zu den Kollegen.
Niemand weiß, dass Herr P. jeden Morgen in der U-Bahn die Luft anhält und zu welcher Meisterschaft er es darin gebracht hat. Und niemand weiß, wie stolz er darauf ist. Deshalb fährt er auch jeden Tag weiterhin mit der U-Bahn anstatt mit dem Rad: Er hat Angst davor, aus der Übung zu kommen. So große Angst, dass er nachts manchmal nicht schlafen kann deswegen.
Herr P. hält die Luft an.
Er zählt die Sekunden.
Er lächelt.
Heute wird ein guter Tag.

Mir kommt das Knochenkotzen

Mal was in eigener Sache: Ich bin traurig. Sehr sehr traurig. Mein Freizeitspaß hier bei uns im Viertel hat in jüngster Zeit deutlich gelitten. Die Eckkneipe hat zugemacht! Stattdessen eröffnet ein Okö-Beauty-Salon mit blablabla Methoden, gut für Körper und Seele blablabla, ganzheitlich achtsam blablabla in Wahrheit wollen wir nur eure Kohle! (aber das steht da nicht, das steht da nicht!) – die Eckkneipe war gut für meinen Körper und meine Seele, verdammt! Der Wirt wollte auch meine Kohle, hat mir aber nie falsche Versprechungen gemacht! Ach scheiße! Schon die zweite verreckte Eckkneipe, in der ersten ist jetzt ein vegan-buddhistisches Café, wo sich im Cappuccino-Milchschaum kaffeebraune Drachen, Herzen und andere Schöngeistigkeiten tummeln.
Aber jetzt zu Punkt 2. Auch die Videothek hat zugemacht, die Videothek, verdammt! Drei neue Filme für 7,50 Euro bis zum nächsten Tag, dazu rauchende Angestellte, mit denen man sich über jeden Film mehr oder weniger sinnvoll austauschen konnte. Und jetzt ratet mal, was jetzt in die verwaisten Räume kommt, natürlich nach umfassender Renovierung. Ratet mal! Genau! Ein Okö-Beauty-Salon mit blablabla Methoden, gut für Körper und Seele blablabla, ganzheitlich achtsam blablabla in Wahrheit wollen wir nur eure Kohle! (aber das steht da nicht, das steht da nicht!) – die Videothek war gut für meinen Körper und meine Seele, verdammt!
Aber irgendwann, all ihr Okö-Beauty-Salons und veganen Cafés, irgendwann, das prophezeie ich euch, irgendwann, wenn sich niemand mehr für euch interessiert, dann werden die Eckkneipen und Videotheken aus ihren Löchern gekrochen kommen und sich ihren rechtmäßigen Platz zurückerobern! Und dann werde ich mir ein frisch gezapftes Bier und einen ehrlichen Kartoffelsalat aus dem Plastikeimer bestellen und auf euren Untergang anstoßen. Und danach leihe ich mir drei neue Filme für 7,50 Euro bis zum nächsten Tag aus und glotze die ganze Nacht!

Der Trend geht zum lebendigen Hut

Baseballkappen? Schiebermützen? Slouch Beanies? Ich sage mal – Trends von gestern. Wer sowas noch trägt, der schreibt wahrscheinlich auch noch SMS und liest gedruckte Bücher. Die Hutmode war schon immer ein schnelllebiges Geschäft und jetzt kommt der nächste Trend mit Vollgas um die Ecke gebogen. Damit ihr den nicht verpasst, gibt es hier ein kurzes Update in Sachen Style: Der letzte Schrei sind jetzt lebendige Hüte (manche von denen schreien wirklich!). Klingt erstmal bekloppt, ist aber so. In New York, Shanghai und London sieht man sie jetzt immer öfter. Kein Wunder. Mit einem Nacktschnecken-Fascinator ist man auf jeder royalen Hochzeit der Star, ein Zitterrochenschlapphut schützt zuverlässig gegen die Sonne und kühlt gleichzeitig, während die Original-Lammmütze einfach perfekt für den Winter ist und ordentlich blökt. Zugegeben, die meisten Modelle sind noch nicht ganz ausgereift – viele der lebendigen Hüte sind derzeit nach einmaligem Tragen oft nur noch wenig oder gar nicht mehr lebendig, aber in Zukunft werden diese kleinen Problemchen behoben sein. Dann werden auch die Tierschützer zufrieden sein und man kann ungestört einen lebendigen Hut tragen. Mein Favorit bisher ist der Oktopus-Hut, den man allerdings nur schwer wieder herunterbekommt. Ein guter Freund von mir, ein Modemacher in New York, schwört hingegen auf den Babyameisenbärhut, dessen einziger Nachteil die lange Zunge des Tiers ist, die einem ständig im Gesicht oder Kaffee hängt. Auch wer gerne Pelz trägt, Hermelin oder Kaninchen zum Beispiel, muss sich in Zukunft keine Anfeindungen durch seine tierliebende Umwelt mehr gefallen lassen, denn bald wird kein Tier mehr für eine Mütze sterben müssen. Alles bleibt lebendig, alles wird gut! Ich sage: Hut ab vor dieser Erfindung! Wer diesen Trend verpasst, ist selbst schuld.

So trainiert man heute!

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Wir sind Weltmeister

Dr. K. Nickel gewidmet

Es war alles andere als ein Spaziergang: Wir haben geackert, geschuftet, wir haben alles gegeben und uns irgendwie durchgebissen, von all den Jahren intensiver und akribischer Vorbereitung ganz zu schweigen. Das Finale war wie erwartet eine ganz enge Geschichte, aber am Ende sind wir für unseren unerschütterlichen Siegeswillen belohnt worden. Jetzt stehen wir ganz oben und schauen herab, genießen die weltweite Aufmerksamkeit von all den Millionen Fans, wir: mein Meerschweinchen Schnorchel und ich, die neuen Champions der Meerschweinchen-Züchter-Weltmeisterschaft!
Aber der Reihe nach: Mehr als 900 Meerschweinchen aus 50 Ländern sind im Finale in Würselen (Regierungsbezirk Köln) gegeneinander angetreten. „Unspektakulär“, mag jetzt der eine oder andere denken. Ich sage: Ein unvergessliches Erlebnis, von dem man noch seinen Enkeln und Urenkeln erzählen wird, größer noch als jede Fußball-WM. 900 Finalteilnehmer!
Vom ersten Moment war Feuer drin, denn die Preisrichten urteilen hart, kritisch und unnachgiebig. Bewertet wurden die Tiere in Kategorien wie Augen, Ohren, Körperbau und Farbverteilung, am Ende erhielten Sie Prädikate von „miserabel“ über „armselig“ bis hin zu „vorzüglich“, „Weltklasse“ und „göttlich“. Ich weiß nicht, wie viele Tausend Stunden ich investiert habe, um Schnorchel in allen Kategorien zu optimieren, denn die Richter sehen jeden Fehler. Zum Beispiel war das Meerschwein Honky mit ihrer Züchterin Gundula. Hoffnungsfroh und lächelnd präsentierte sie Honky den Preisrichtern, keine Minute später schlich sie weinend und zähneklappernd davon, Urteil: „Haare ungleichmäßig, nicht ganz voll, außerdem Verfilzungen und Körperbau etwas flach. Zähne ansatzweise kariös. Punktabzug“. Armer Honky, arme Gundula.
Schnorchel hätte solch ein Urteil niemals passieren können. Die Zähne fein, das Haar voll, jeder Haarwirbel an der richtigen Stelle, an Putzigkeit kaum zu überbieten. Entsprechend fiel auch das Urteil der Richter aus: „Schnorchel zeigt einen vorzüglichen Pony und einen vorbildlichen Backenbart. Der Körperbau ist vorne und hinten schön kräftig. Tadellose Bauchlinie, perfekter Halskamm. Höchstpunktzahl!“
Vor Freude habe ich wie ein Meerschweinchen angefangen zu knöttern und zu quieken. „Weltmeister! Schnorchel! Wir haben es geschafft!“
Viele haben mich seitdem nach unserer Erfolgsformel gefragt. Es ist ganz einfach: Da wäre natürlich zu allererst der wöchentliche Gang zum Meerschweinchenfriseur (ja, so etwas gibt es). Dazu täglich (!) Krallen kürzen, Ohren putzen, Fell kämmen. Dazu genügend Auslauf und eine Top-top-top-Ernährung. Schnorchel ernährt sich ausschließlich bio und vegan gemäß der Attila Hildmann Triät, hinzu kommen importierte Spezialgurken aus Indonesien. Man sieht: Kein Hexenwerk.
Ich möchte mich, auch im Namen von Schnorchel, für die unzähligen Glückwünsche bedanken, die wir in den letzten Tagen erhalten haben. Wenn das so weitergeht, muss ich meinen Briefkasten demnächst täglich leeren. Danke! Wir sehen uns in vier Jahren wieder.

Mein neues Körpergefühl

Der neueste Trend ist ja jetzt, älter und verbrauchter auszusehen, als man eigentlich ist. Bisher war es umgekehrt, aber man kennt das ja: Auf jeden Trend folgt der Gegentrend. Bisher haben alle auf jung gemacht, jetzt machen alle auf alt. Jung und fit ist hässlich, alt und fertig ist schön. Tja, so ist das eben. Die Amateure suchen ihr Glück wie immer in überteuerten, nutzlosen Cremes, von Pro-Aging-Creme bis Faltenvertiefungscreme, da gibt es jetzt ja jede Menge neuer Produkte in den Regalen. Profis wie ich wählen die elegante Variante – statt im Urlaub war ich dieses Jahr in einer Klinik in Osteuropa und habe mich einer Generalüberholung unterzogen. Es war einfach nicht mehr auszuhalten in meinem jugendlichen Körper, der einfach nicht schnell genug altern will.
Die Leute in der Klinik sind echte Profis und haben geliefert, was ich bestellt habe. Schnippschnipp, zurrzurr, rtschrtsch, strahlstrahl – und fertig war mein neuer, perfekter Körper. Details? Gerne.
Da waren zu allererst meine strahlend weißen Zähne, die mussten natürlich weg. Das Ergebnis ist wirklich atemberaubend. Nach dem Abriss meiner Zähne hat man mir ein besonders schäbiges, gebrauchtes Gebiss eingesetzt, dritte Zähne aus dritter Hand sozusagen, nicht mehr als vergammelte, plattgekaute Ruinen sind das. Außerdem ist mein ganzer Mundinnenraum entzündet und ich habe furchtbaren Mundgeruch, vor dem sogar mein Hund jaulend Reißaus nimmt. Einfach super, wer schön sein will muss eben leiden.
Als nächstes hat man mir meine gesamte Haut überarbeitet. Eine tagelange Hautalterungsbestrahlung hat hier wahre Wunder bewirkt. Meine Haut ist jetzt von tiefen Falten durchzogen und jede Menge Altersflecke zieren mich. Ergänzend wurde eine systemische Hautschlaffung durchgeführt, so dass nun alles schön flattert und hängt. Auf dem Kopf hat man mir meine Haare als Halbglatze neu arrangiert und künstlich gegilbt. Die Augenbrauen wurden „aufgezottelt“, so dass sie nun schön buschig und ungepflegt sind. Hinzu kommen noch meine brandneuen Tränensäcke, die meine Optik perfekt abrunden.
Ansonsten habe ich gar nicht viel machen müssen. Ein paar künstliche Krampfadern, hier und da eine Fetteinspritzung, fertig. Das Ergebnis ist wie gesagt tiptop, Preis-Leistung auch. Nur 10.000 Euro habe ich für mein neues Lebensgefühl bezahlt – und alles sieht wirklich ganz natürlich aus, gar nicht wie operiert oder so. Jetzt fühle ich mich endlich wieder wohl in meiner Haut und freue mich morgens, wenn ich in den Spiegel schaue. Auch dem Sommer im Freibad steht nun nichts mehr im Wege, denn mit dem neuen Körpergefühl ist auch mein Selbstbewusstsein wieder zurückgekehrt. Der Sommer kann kommen!

Wörnsen gibt alles

„Und hier ist der Herausforderer!“
Erik Wörnsen rannte auf die Bühne des Fernsehstudios und boxte dabei mit grimmigem Gesicht in die Luft, so wie man es ihm gesagt hatte. Er blieb kurz stehen und vollführte einen irgendwie nach Karate oder Kung Fu aussehenden Tritt in Richtung der Kameras. Dann lächelte er und winkte in Richtung des applaudierenden Publikums, das er wegen der vielen Scheinwerfer nicht sehen konnte. Wörnsen blinzelte, dann sah er aus den Augenwinkeln, wie ihm jemand das verabredete Zeichen gab und er rannte weiter. Neben dem Moderator blieb er stehen. Das Publikum beruhigte sich.
„Erik“, sagte der Moderator, „Wie fühlst du dich?“
Wörnsen fühlte sich schrecklich. Ihm war schlecht von der Chemotherapie, die er am Morgen erhalten hatte.
„Gut, bestens, bereit für die Million!“, sagte Wörnsen und tänzelte von einem Bein auf das andere. Das Publikum klatschte.
„Erik, vorhin im Backstagebereich war dir kurz schlecht, bist du nervös?“
„Klar, wer wäre das nicht. Ich freue mich, heute hier sein zu dürfen. Danke an die Menschen, die mich im Online-Voting als Kandidaten ausgewählt haben.“ Wörnsen machte ein Victoryzeichen in Richtung Kamera. „Ich werde alles geben, das verspreche ich!“
„Erik, was machst du mit der Million, wenn du sie gewinnen solltest?“, sagte der Moderator.
„Das weiß ich noch nicht. Erstmal muss ich gewinnen. Nur daran denke ich.“
„Das ist die richtige Einstellung, aber du weißt ja: Viele sind hier schon gescheitert. Es wird schwer.“
„Das weiß ich. Ich werde alles geben.“
„Super! Meine Damen und Herren: Erik!“
Applaus, Applaus, Applaus.
„Und jetzt, meine Damen und Herren, hier ist er: Der Bezwinger unzähliger Herausforderer, der…“
Wörnsen hörte nichts mehr, es war, als hätte ihm jemand den Ton abgedreht. Ihm war schwindlig. Er versuchte zu lächeln und zu klatschen, während Johann Vogel, nach dem die Show benannt war, auf die Bühne stürmte und sich vom Publikum feiern ließ.
Wörnsen spürte, wie ihm ein Schwall Mageninhalt in den Mund schoss, aber er konnte ihn zurückwürgen. Er wusste nicht, wie er das hier überstehen sollte, aber er musste, irgendwie, er brauchte das Geld, für Barbara und die Kinder, für die Zeit, wenn er nicht mehr da war. Der Arzt hatte ihm gesagt, dass er noch maximal ein paar Wochen hatte. Wörnsen dachte an Zuhause. Die Kinder schliefen bestimmt schon. Barbara sah ihm zu, das wusste er. Sie hatte versucht, ihn von der Idee mit der Show abzubringen. Sie hatten gestritten, waren laut geworden, zum ersten Mal seit Jahren. Am Ende hatte er sich durchgesetzt.
„Erik?“
Wörnsen zuckte zusammen und sah den Moderator an.
„Erik, alles klar bei dir?“
„Alles klar, von mir aus kann es losgehen.“
Der Moderator erklärte noch einmal den Ablauf der Show und schloss mit den Worten: „Wer nach zehn Spielen mehr Punkte hat, gewinnt! Und jetzt, liebes Publikum, liebe Zuschauer zu Hause, mögen die Spiele beginnen, live hier aus der Lanxess Arena in Köln!“
Dann wurde gespielt, nur unterbrochen von Werbepausen. Wörnsen gab alles. Beim Musik rückwärts hören, beim blind aufs Tor schießen, beim Holzhacken, beim Muffinweitwurf, beim Sandburgbauen, beim Torwandschießen, beim Eishockey, beim Gewichte von Gegenständen raten, beim Minigolf und beim krönenden Abschluss, dem Tiere raten.
Wörnsen gab alles. Nach dem ersten Spiel hatte er einen Schwindelanfall und musste kurz behandelt werden. Im zweiten Spiel bekam er einen Ball gegen den Kopf und schrie vor Schmerzen. Im dritten Spiel hackte er sich beinahe in den Fuß, kam aber mit einer leichten Schramme davon. Im vierten Spiel musste er sich übergeben, nachdem er einen Muffin über 20 Meter weit geworfen hatte. Im fünften Spiel brach er über seiner Sandburg zusammen. Man wollte die Show abbrechen, aber Wörnsen bestand darauf, weiter zu machen. Er gab alles. Ab dem sechsten Spiel konnte er plötzlich auf einem Auge nichts mehr sehen, gewann aber trotzdem. Im siebten Spiel rutschte er auf dem Eis aus und schlug mit dem Kopf auf. Nach einer kurzen Pause machte er weiter. Er war sehr bleich im Gesicht und schwitzte. Das Publikum wurde immer stiller. Auch der Moderator und Johann Vogel verstummten immer mehr und wechselten besorgte Blicke. Im achten Spiel schlief Wörnsen kurz ein und musste geweckt werden. Im neunten Spiel musste Wörnsen kreislaufbedingt aussetzen, bevor er sich im zehnten Spiel noch einmal aufraffte, jedoch Hund als Antwort nannte, als das Miauen einer Katze abgespielt wurde.
Dann war es geschafft. Wörnsen hatte alles gegeben. Er hatte 19 Punkte auf dem Konto, Johann Vogel 57.
„Erik, du kannst stolz auf dich sein. Ich denke jeder hier hat gesehen, dass du heute angeschlagen warst. Trotzdem hast du alles gegeben. Respekt!“, sagte der Moderator. Auch Johann Vogel nickte anerkennend und animierte das Publikum zum Klatschen.
Wörnsen schaute ausdruckslos in die Kamera. Er blinzelte, versuchte sich zu orientieren. Er hörte nichts, sah nur die Scheinwerferlichter. Es war sehr hell. Er spürte, wie seine Knie nachgaben, wie ihn jemand auffing. Er stellte sich vor, dass es Barbara war.

Mit Händen essen

Wir aßen Fritten mit viel zu viel Ketchup, einfach so mit den Fingern, es war eine Sauerei und der ältere Herr am Nachbartisch schüttelte angewidert den Kopf. Aber wir hatten Hunger und Lust so zu essen, mit den Händen, und so senkten sich unsere verschmierten Finger immer wieder in die Schüssel und zogen die matschigen Fritten aus ihrem Ketchupsumpf und führten sie unseren malmenden Zähnen zu. Fast schon mechanisch lief diese Fresserei ab und schnell war die Schüssel leer. Erschöpft lehnten wir uns zurück und leckten unsere rotmatschigen Finger ab, die aussahen, als hätte man uns mit mittelalterlichen Daumenschrauben gefoltert.

Wir saßen eine Weile und sagten nichts. Mit Marcus kann man schweigen, ohne dass es unangenehm wird, er kann auch mal eine Stunde lang nichts sagen und dann ein zuvor begonnenes Gespräch weiterführen. Ich mag das ja, andere finden es unerträglich. Jetzt aber betrachtete Marcus seine vom Fett glänzenden Finger und schüttelte den Kopf.
Habe ich dir schon mal erzählt, woran mein Opa gestorben ist?, sagte er.
Ich schüttelte den Kopf.
Mein Opa stammte aus einer adligen Familie, seine Erziehung war sehr streng. Vor allem bei den Tischmanieren hatte er extreme Ansichten. Essen mit den Händen war für ihn unmöglich, es war unter seiner Würde, das hätte er nie gemacht.
Auch kein Brot oder sowas?
Nein. Ohne Besteck aß er nicht.
Und wie ist er gestorben?
Als er in Kriegsgefangenschaft war, ist er verhungert. Es gab genug zu essen, aber es gab kein Besteck. Das war unter seiner Würde und er ist lieber verhungert, als mit den Händen zu essen.
Das hat er durchgezogen?
Ja.
Glaube ich nicht. Ist aber eine gute Geschichte.
Wir schwiegen. Marcus starrte vor sich hin und ich stellte mir seinen Opa vor. Dabei betrachtete ich meine Finger. So ging das eine Stunde.
Ich bestell mal noch eine Schüssel, sagte Marcus schließlich.
Diesmal etwas weniger Ketchup.
Ok.
Mit Gabeln!
Ok.

Dann aßen wir wieder Fritten mit Ketchup, diesmal mit Gabeln, es war keine Sauerei und der ältere Herr am Nachbartisch war schon lange weg.

Ich bin der Iceman

Dieses Mal habe ich nicht einfach wieder irgendeine Jacke gekauft; zu oft sind in der Vergangenheit Jacken meinen hohen Ansprüchen nicht gerecht geworden. Mal waren sie nicht robust genug, mal nicht warm genug, mal nicht wasserabweisend, mal nicht atmungsaktiv genug, mal nicht windstoppend, mal nicht schön genug, meistens aber einfach von allem nicht genug. Das hat mich oft sehr traurig gemacht.

Dieses Mal sollte alles anders werden, dieses Mal wollte ich eine Jacke, die zu mir und meinem mitunter extremen Leben passt, die mit mir mithalten kann, die nicht auf der Strecke bleibt und mich im Stich lässt, wenn sie am nötigsten gebraucht wird. Deshalb bin ich dieses Mal dorthin gegangen, wo es in Köln die extremsten Jacken gibt, um mich beraten zu lassen: In den Globetrotter-Store, eine riesige Einkaufslandschaft, wo es einfach alles gibt für extreme Menschen wie mich, vom Kanu für die Alaska-Tour über das Survival-Kit für monatelanges Überleben in der Wildnis bis zum gefriergetrockneten Elchfleisch-Eintopf. Dort gibt es aber nicht nur die extremsten Jacken, sondern man kann sie auch gleich testen: In der Kältekammer und in der Regenkammer, die gleichzeitig auch eine Sturmkammer ist.

Ich also hin, zum nächsten Verkäufer und gesagt, dass ich eine extreme Jacke haben will, eine, die allen Herausforderungen mühelos trotzt. „Finden wir“, hat der Verkäufer gesagt und dabei diabolisch gegrinst.

Fast sieben Stunden lang habe ich Dutzende von Jacken getestet. Ich habe bei minus 20 Grad in der Kältekammer gestanden und auf Stufe „Monsun“ dem Regensimulator getrotzt, während mir eine Windturbine mit 200 Stundenkilometern ins Gesicht geblasen hat. Am Ende hatte ich die Jacke, die ich wollte, eine, mit der man für alle Extremsituationen bestens gerüstet ist: der Jack Wolfskin Polar Ice Parka für Männer, laut Hersteller entwickelt für den „Extremeinsatz“ und die „wärmste Jacke“ im Sortiment. Sie ist winddicht, megarobust und wasserabweisend. Gefüllt ist das gute Stück mit „Hochleistungsdaunen“ und die wattierte Tunnelkapuze ist besonders tief und schützt vor Erfrierungen.Genau das Richtige also für mich.

Seitdem ich die Jacke habe, ist sie mir ein treuer Begleiter, vor allem natürlich in der kalten Jahreszeit. Auf dem Weg zur U-Bahn friere ich jetzt nicht mehr und Spaziergänge am Wochenende am Rhein entlang sind auch kein Problem mehr, selbst bei Temperaturen um die null Grad. Am eindrücklichsten treten die Stärken der Jacke jedoch im Supermarkt am Kühlregal zutage. Dort stehe ich oft minutenlang vor den Produkten und wähle in aller Ruhe und ohne zu frieren aus. Ich fühle mich dann überlegen und irgendwie unbesiegbar, wie ein Superheld. Ich bin der Iceman, murmle ich dann manchmal leise in meinen Bart, Ich bin der Iceman.

Das Verwöhnzarte

Mit Alter und Einkommen wachsen die Ansprüche. Früher habe ich zum Beispiel einfach Klopapier gekauft, Hauptsache billig. Über die Qualität habe ich mir nie Gedanken gemacht. Heute ist das anders, heute kommt mir nicht mehr jedes beliebige Klopapier ins Haus, das tue ich mir und meinen Gästen nicht an.

Das Papier meines Vertrauens verdient die Bezeichnung Klopapier nicht, Toilettenpapier ist auch nicht richtig, Hygienepapier schon treffender. Aber am liebsten nenne ich es das Verwöhnzarte, denn so heißt es auch ganz offiziell. Ich mache hier ja häufiger mal Schleichwerbung, für ausgestopfte Hunde und andere nützliche Dinge. Das Verwöhnzarte ist für mich aber eine echte Herzensangelegenheit, eine Bereicherung des Alltags.

Jeden Morgen, wenn ich auf dem Pott sitze und mein Geschäft mache, freue ich mich auf das ganz besondere Abwischerlebnis, das mich gleich erwartet und das eigentlich nur als verwöhnende Sinnesreise bezeichnet werden kann. Bereits in der Hand ist das Verwöhnzarte nie rau oder unangenehm, sondern genau richtig zart, verwöhnzart eben. Und dann das Gefühl auf der empfindlichen Haut des Hinterns! Ein Genuss. Das Verwöhnzarte schmeichelt der strapazierten Haut und beseitigt dabei sicher und schonend alle Spuren. Das Geheimnis dahinter: Vier besonders weiche Zellstoffe, ein Hauch Mandelmilch und zarter Mandelduft – diese unwiderstehliche Kombination machen das Verwöhnzarte so traumhaft weich und duftend. Sehr sehr schön ist auch das Design: Das Verwöhnzarte ist 4-lagig und das gold-schimmernde Muster der eleganten Prägung verleiht ihm auch optisch die passend luxuriöse Note.

In der Fachzeitschrift Lebensmittel Praxis, einem von der Industrie vollkommen unabhängigen Blatt, wurde das Verwöhnzarte gerade im Rahmen einer Verbraucherbefragung als Produkt des Jahres ausgezeichnet. Das Verwöhnzarte erzielte die Goldplatzierung in der Warengruppe „Hygienepapiere“. Zu Recht.

Gönnen auch Sie sich eine Streicheleinheit für ein gutes Gefühl. Sie sind es wert!

Anmerkung: Die meisten der hier verwendeten Formulierungen habe ich unverändert von der Hersteller-Website übernommen, da ich es einfach nicht besser formulieren konnte. Danke für dieses tolle Produkt.