Pünktlich unterm Weihnachtsbaum

Ich bin stolz. So richtig stolz! Stolz darauf, mein Bestes gegeben zu haben! Besser geht es nicht! Als Mitarbeiter von *hüstelhüstel* (sag ich euch doch nicht, den Namen von meinem Arbeitgeber) im vor einem Jahr eröffneten Logistikzentrum habe ich zusammen mit meinen Kollegen dafür gesorgt, dass alle online bis zum 22. Dezember bestellten Geschenke nun rechtzeitig unter den Weihnachtsbäumen der Kunden von *hüstelhüstel* liegen. Wir haben Übermenschliches geleistet! Rekorde aufgestellt! Millionen von Bestellungen bearbeitet und zu den Kunden rausgeschickt, alles, vom Bestsellerkrimi bis zur Badeöl-Kollektion.
Zuverlässig!
Schnell!
Motiviert!
T-t-t-täglich!
Oh jeah baby, we did it!
Ich fühle mich wie ein moderner Weihnachtsmann, ach was, ich BIN ein moderner Weihnachtsmann. So viele Wünsche wie wir erfüllt der Weihnachtsmann nicht. Dazu fehlt es ihm an logistischem Know-how und wahrscheinlich auch an unserer Leistungsbereitschaft.
Klar, einfach war es nicht immer. Um so etwas zu leisten, muss man schon ein paar kleinere Opfer bringen. Der ganze Weihnachtsstress dauert ja ein paar Wochen und da heißt es oft: durchhalten! Da ist es gut, einen Chef zu haben, der einen regelmäßig motiviert. Gehaltsabzug, Anschreien, Überstunden, Durchsuchtwerden nach möglicherweise gestohlener Ware und ab und an ein sanfter Ellenbogencheck: Das alles wirkt Wunder! Dafür bin ich meinem Chef auf ewig dankbar. Ich habe das regelmäßig gebraucht, sonst hätte ich das alles nie im Leben geschafft.
Arbeit, Arbeit, Arbeit. So viel Arbeit! Oft habe ich gedacht, dass ich das alles unmöglich schaffen kann. Zum Beispiel musste ich jeden Tag so viele Bestellungen bearbeiten, dass ich zwischendurch nicht aufs Klo gehen durfte. Und? Habe ich deswegen rumgejammert? Nein! Not macht eben erfinderisch. Ich habe mir ganz einfach Windeln angezogen, so Dinger, die es auch in Altenheimen gibt. Da habe ich dann tagsüber reinuriniert. Auch mein Stuhlgang ist dort gelandet. Voilá! Die perfekte Lösung. Ich habe deswegen zwar schon ziemlich streng gerochen und meine Intimzone war abends nach der Schicht oft ganz wundgescheuert, aber sei’s drum: Dafür war ich immer einer der schnellsten Bearbeiter von Bestellungen.
Ein anderes Problem waren die langen Wege, die ich jeden Tag zwischen den einzelnen Regalreihen zurücklegen musste. Da kamen im Laufe des Tages gut und gerne mal 30 Kilometer zusammen, einmal sogar 40. Das war nicht immer schön, klar. In vier Wochen habe ich drei Paar Schuhe durchgelaufen und 25 Kilo abgenommen, obwohl ich sowieso schon Untergewicht hatte. Essen zwischendurch war ja verständlicherweise nicht erlaubt, genauso wenig wie trinken, das hätte alles nur Zeit gekostet. Trotzdem war das eine super Erfahrung, die mich persönlich weitergebracht hat. Jetzt weiß ich, zu welchen außergewöhnlichen Leistungen ich fähig bin, yeah!
So richtig schlimm war eigentlich nur meine Krankheit, die mich Mitte Dezember erwischt hat. Schnupfen, Husten, Halsweh, Fieber, Gliederschmerzen, Schüttelfrost, Kopfweh, Ohrensausen, Magengrimmen, Durchfall und Erbrechen: Das volle Programm eben. Daheim bin ich trotzdem nicht geblieben, no way! Ich habe mir einfach jeden Tag eine Packung Aspirin reingepfiffen, das hat ein wenig geholfen. Andere Chefs hätten mich in meinem Zustand vielleicht nach Hause geschickt, aber nicht meiner. Stattdessen hat er mir einen Mundschutz gegeben, damit ich niemanden anstecke, einfach so, ohne mir die Kosten für das Ding vom Lohn abzuziehen. Absolut genial. Nach einer Woche ging es mir dann auch schon wieder besser.
Jetzt, wo alles geschafft ist, bin ich einfach glücklich über meine Leistung und vor allem über die vielen zufriedenen Menschen da draußen, die ihre Geschenke pünktlich erhalten haben – auch dank meinem Einsatz. Es macht mich froh, all diesen Menschen Freude zu bereiten. Dafür bringe ich gerne das ein oder andere kleinere persönliche Opfer. Wenn ich an all die glücklichen Menschen denke, werde ich ganz rührselig.
Sobald ich aus dem Krankenhaus wieder raus bin, geht es mit voller Kraft weiter, versprochen! Der Arzt sagt zwar, dass ich schwer krank bin, aber ich glaube ihm kein Wort. Schon morgen komme ich hier wieder raus, spätestens an Sylvester. Dann wird gefeiert!
Auch in Zukunft werde ich alles geben. Und jetzt: Frohe Weihnachten! Viel Spaß beim Auspacken!