Die Whiskyverkostung

Wir sehen einen Mann, der in einem Ohrensessel sitzt. Vor ihm, auf einem kleinen Tisch, stehen eine Flasche Whisky und ein Glas. Der Mann betrachtet den Whisky und leckt sich die Lippen. Dann greift er nach der Flasche und öffnet sie. Mit einem kaum hörbaren plopp löst sich der Korken vom Flaschenhals. Der Mann riecht am Korken, macht ein verzücktes Gesicht und legt ihn beiseite. Dann schenkt er ein, zwei Fingerbreit.
Er nimmt nun das Glas, schwenkt es und beobachtet, wie der Whisky darin schwappt und Schlieren zieht. Er nickt zufrieden. Dann führt er das Glas an seine Nase und beginnt zu schnüffeln.
„Jetzt wollen wir mal sehen. Teuer war die Flasche ja, hmmm, ausgezeichnet.“
Der Mann blickt kurz in den leeren Raum und setzt eine Kennermiene auf.
„Meine Damen und Herren, ich werde nun diesen Whisky verkosten. Ich bitte um absolute Ruhe, damit ich mich konzentrieren kann.“
Er schnüffelt weiter, führt das Glas vom linken ans rechte Nasenloch und wieder zurück. So geht das einige Male, dann beginnt er abwägend mit dem Kopf zu wackeln.
„Ja, ganz eindeutig süß mit viel Vanille und Honig, aber auch leicht medizinisch, eine perfekte Balance. Dazu ein Anflug von frischem Heu oder Gras, wie ein frisch gemähter Rasen im Frühling. Hmm. Da! Leder, aber was für ein Leder, Moment, ja, ich glaube, nein, ich lege mich fest: Kalbsleder. Wunderbar. Gehen wir nun eine Geruchsebene tiefer. Da ist Malz, ganz klar, sehr viel Malz, aber da sind auch Nussaromen, nicht ganz leicht zu identifizieren für ungeübte Nasen. Ganz prominent die Byzantiner Königsnüsse, aber daneben, schön dezent und elegant, leicht angeröstete und gesalzene Erdnüsse. Ebenso ein Hauch, aber wirklich nur ein Hauch von frischen Kartoffelchips, Geschmacksrichtung irgendwo zwischen ungarisch und orientalisch mit klarer Tendenz in den vorderasiatischen Raum.“
Der Mann schnüffelt nun noch intensiver und gibt dabei wohlige Laute von sich.
„Meine Damen und Herren! Harz, hmja, von der Tanne, geographisch sicherlich dem Schwarzwald zuzuordnen, das Ganze kunstvoll unterlegt von leicht ranziger Butter von der Freilandkuh, das ist wirklich außergewöhnlich, hm, ja, also das, ich muss schon sagen, oooch, und jetzt aber, da!, Beerenaroma, ganz intensiv. Gleich dahinter kommt jetzt dunkle Schokolade ins Spiel, mächtig drängt sie nach vorne, circa 82 Prozent Kakaoanteil, ich schwanke noch, aber ich glaube doch mit einiger Sicherheit: Schweizer Schokolade, oh Gott was für ein Aroma! Unerhört! Hmm. Hmmm! Was ist da noch? Da, ganz weit hinten, gleich, gleich, ich komm gleich drauf!“
Der Mann schnüffelt nun wie besessen. Dabei stößt er seine Nase immer wieder tief ins Whiskyglas hinein und grunzt rhythmisch dazu.
„Jetzt – entfaltet – der Whisky – seine ganze – Herrlichkeit – Da sind Autolack – altes Blumenwasser – faulige Birnen – Seeluft – Fisch – Thunfisch – aus der Dose – Nein – Hering – Hering! – oh gottohgott das wird ja immer besser – Daneben Stallgeruch – das ist einfach! – Ziegenstall – mon Dieu! – Da! – Da ist noch ein Geruch, ein letzter Geruch, gleich, gleich hab ich ihn, komm zu mir, komm her, komm, ja ja ja, jetzt gleich, jetzt, oh Gott!“
Der Mann hält inne, ein irres Lächeln im Gesicht. Er atmet schwer. Schwitzt. Dann fällt alle Anspannung von ihm ab.
„Rosenkohl“, sagt er, ganz leise, kaum hörbar.
Der Mann erwacht wie aus einem langen Traum. Er räuspert sich und lächelt unsicher.
„Alles in allem sehr komplex“, sagt er mit zittriger Stimme und schaut in den Raum, als säße dort ein Publikum, das gleich applaudieren wird. Der Mann wirkt, als wolle er die Sache nun schnell zu Ende bringen.
„So“, sagt er, „Dann wollen wir nun aber auch probieren.“
Er leert das Glas in einem Zug, gurgelt kurz, dann schnalzt er mit der Zunge. „Wirklich außergewöhnlich.“
Der Mann steht auf und verbeugt sich. „Danke, danke“, murmelt er. Dann verlässt er das Zimmer. Beim Rausgehen macht er das Licht aus. Es wird dunkel.

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