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Hier schreibt Schulz über den täglichen Wahnsinn

Mein neues Körpergefühl

Der neueste Trend ist ja jetzt, älter und verbrauchter auszusehen, als man eigentlich ist. Bisher war es umgekehrt, aber man kennt das ja: Auf jeden Trend folgt der Gegentrend. Bisher haben alle auf jung gemacht, jetzt machen alle auf alt. Jung und fit ist hässlich, alt und fertig ist schön. Tja, so ist das eben. Die Amateure suchen ihr Glück wie immer in überteuerten, nutzlosen Cremes, von Pro-Aging-Creme bis Faltenvertiefungscreme, da gibt es jetzt ja jede Menge neuer Produkte in den Regalen. Profis wie ich wählen die elegante Variante – statt im Urlaub war ich dieses Jahr in einer Klinik in Osteuropa und habe mich einer Generalüberholung unterzogen. Es war einfach nicht mehr auszuhalten in meinem jugendlichen Körper, der einfach nicht schnell genug altern will.
Die Leute in der Klinik sind echte Profis und haben geliefert, was ich bestellt habe. Schnippschnipp, zurrzurr, rtschrtsch, strahlstrahl – und fertig war mein neuer, perfekter Körper. Details? Gerne.
Da waren zu allererst meine strahlend weißen Zähne, die mussten natürlich weg. Das Ergebnis ist wirklich atemberaubend. Nach dem Abriss meiner Zähne hat man mir ein besonders schäbiges, gebrauchtes Gebiss eingesetzt, dritte Zähne aus dritter Hand sozusagen, nicht mehr als vergammelte, plattgekaute Ruinen sind das. Außerdem ist mein ganzer Mundinnenraum entzündet und ich habe furchtbaren Mundgeruch, vor dem sogar mein Hund jaulend Reißaus nimmt. Einfach super, wer schön sein will muss eben leiden.
Als nächstes hat man mir meine gesamte Haut überarbeitet. Eine tagelange Hautalterungsbestrahlung hat hier wahre Wunder bewirkt. Meine Haut ist jetzt von tiefen Falten durchzogen und jede Menge Altersflecke zieren mich. Ergänzend wurde eine systemische Hautschlaffung durchgeführt, so dass nun alles schön flattert und hängt. Auf dem Kopf hat man mir meine Haare als Halbglatze neu arrangiert und künstlich gegilbt. Die Augenbrauen wurden „aufgezottelt“, so dass sie nun schön buschig und ungepflegt sind. Hinzu kommen noch meine brandneuen Tränensäcke, die meine Optik perfekt abrunden.
Ansonsten habe ich gar nicht viel machen müssen. Ein paar künstliche Krampfadern, hier und da eine Fetteinspritzung, fertig. Das Ergebnis ist wie gesagt tiptop, Preis-Leistung auch. Nur 10.000 Euro habe ich für mein neues Lebensgefühl bezahlt – und alles sieht wirklich ganz natürlich aus, gar nicht wie operiert oder so. Jetzt fühle ich mich endlich wieder wohl in meiner Haut und freue mich morgens, wenn ich in den Spiegel schaue. Auch dem Sommer im Freibad steht nun nichts mehr im Wege, denn mit dem neuen Körpergefühl ist auch mein Selbstbewusstsein wieder zurückgekehrt. Der Sommer kann kommen!

Dritte Zähne aus dritter Hand…

…eine schreckliche Vorstellung.

Urlaub vorbei. schulzschreibtwieder…

Wörnsen gibt alles

„Und hier ist der Herausforderer!“
Erik Wörnsen rannte auf die Bühne des Fernsehstudios und boxte dabei mit grimmigem Gesicht in die Luft, so wie man es ihm gesagt hatte. Er blieb kurz stehen und vollführte einen irgendwie nach Karate oder Kung Fu aussehenden Tritt in Richtung der Kameras. Dann lächelte er und winkte in Richtung des applaudierenden Publikums, das er wegen der vielen Scheinwerfer nicht sehen konnte. Wörnsen blinzelte, dann sah er aus den Augenwinkeln, wie ihm jemand das verabredete Zeichen gab und er rannte weiter. Neben dem Moderator blieb er stehen. Das Publikum beruhigte sich.
„Erik“, sagte der Moderator, „Wie fühlst du dich?“
Wörnsen fühlte sich schrecklich. Ihm war schlecht von der Chemotherapie, die er am Morgen erhalten hatte.
„Gut, bestens, bereit für die Million!“, sagte Wörnsen und tänzelte von einem Bein auf das andere. Das Publikum klatschte.
„Erik, vorhin im Backstagebereich war dir kurz schlecht, bist du nervös?“
„Klar, wer wäre das nicht. Ich freue mich, heute hier sein zu dürfen. Danke an die Menschen, die mich im Online-Voting als Kandidaten ausgewählt haben.“ Wörnsen machte ein Victoryzeichen in Richtung Kamera. „Ich werde alles geben, das verspreche ich!“
„Erik, was machst du mit der Million, wenn du sie gewinnen solltest?“, sagte der Moderator.
„Das weiß ich noch nicht. Erstmal muss ich gewinnen. Nur daran denke ich.“
„Das ist die richtige Einstellung, aber du weißt ja: Viele sind hier schon gescheitert. Es wird schwer.“
„Das weiß ich. Ich werde alles geben.“
„Super! Meine Damen und Herren: Erik!“
Applaus, Applaus, Applaus.
„Und jetzt, meine Damen und Herren, hier ist er: Der Bezwinger unzähliger Herausforderer, der…“
Wörnsen hörte nichts mehr, es war, als hätte ihm jemand den Ton abgedreht. Ihm war schwindlig. Er versuchte zu lächeln und zu klatschen, während Johann Vogel, nach dem die Show benannt war, auf die Bühne stürmte und sich vom Publikum feiern ließ.
Wörnsen spürte, wie ihm ein Schwall Mageninhalt in den Mund schoss, aber er konnte ihn zurückwürgen. Er wusste nicht, wie er das hier überstehen sollte, aber er musste, irgendwie, er brauchte das Geld, für Barbara und die Kinder, für die Zeit, wenn er nicht mehr da war. Der Arzt hatte ihm gesagt, dass er noch maximal ein paar Wochen hatte. Wörnsen dachte an Zuhause. Die Kinder schliefen bestimmt schon. Barbara sah ihm zu, das wusste er. Sie hatte versucht, ihn von der Idee mit der Show abzubringen. Sie hatten gestritten, waren laut geworden, zum ersten Mal seit Jahren. Am Ende hatte er sich durchgesetzt.
„Erik?“
Wörnsen zuckte zusammen und sah den Moderator an.
„Erik, alles klar bei dir?“
„Alles klar, von mir aus kann es losgehen.“
Der Moderator erklärte noch einmal den Ablauf der Show und schloss mit den Worten: „Wer nach zehn Spielen mehr Punkte hat, gewinnt! Und jetzt, liebes Publikum, liebe Zuschauer zu Hause, mögen die Spiele beginnen, live hier aus der Lanxess Arena in Köln!“
Dann wurde gespielt, nur unterbrochen von Werbepausen. Wörnsen gab alles. Beim Musik rückwärts hören, beim blind aufs Tor schießen, beim Holzhacken, beim Muffinweitwurf, beim Sandburgbauen, beim Torwandschießen, beim Eishockey, beim Gewichte von Gegenständen raten, beim Minigolf und beim krönenden Abschluss, dem Tiere raten.
Wörnsen gab alles. Nach dem ersten Spiel hatte er einen Schwindelanfall und musste kurz behandelt werden. Im zweiten Spiel bekam er einen Ball gegen den Kopf und schrie vor Schmerzen. Im dritten Spiel hackte er sich beinahe in den Fuß, kam aber mit einer leichten Schramme davon. Im vierten Spiel musste er sich übergeben, nachdem er einen Muffin über 20 Meter weit geworfen hatte. Im fünften Spiel brach er über seiner Sandburg zusammen. Man wollte die Show abbrechen, aber Wörnsen bestand darauf, weiter zu machen. Er gab alles. Ab dem sechsten Spiel konnte er plötzlich auf einem Auge nichts mehr sehen, gewann aber trotzdem. Im siebten Spiel rutschte er auf dem Eis aus und schlug mit dem Kopf auf. Nach einer kurzen Pause machte er weiter. Er war sehr bleich im Gesicht und schwitzte. Das Publikum wurde immer stiller. Auch der Moderator und Johann Vogel verstummten immer mehr und wechselten besorgte Blicke. Im achten Spiel schlief Wörnsen kurz ein und musste geweckt werden. Im neunten Spiel musste Wörnsen kreislaufbedingt aussetzen, bevor er sich im zehnten Spiel noch einmal aufraffte, jedoch Hund als Antwort nannte, als das Miauen einer Katze abgespielt wurde.
Dann war es geschafft. Wörnsen hatte alles gegeben. Er hatte 19 Punkte auf dem Konto, Johann Vogel 57.
„Erik, du kannst stolz auf dich sein. Ich denke jeder hier hat gesehen, dass du heute angeschlagen warst. Trotzdem hast du alles gegeben. Respekt!“, sagte der Moderator. Auch Johann Vogel nickte anerkennend und animierte das Publikum zum Klatschen.
Wörnsen schaute ausdruckslos in die Kamera. Er blinzelte, versuchte sich zu orientieren. Er hörte nichts, sah nur die Scheinwerferlichter. Es war sehr hell. Er spürte, wie seine Knie nachgaben, wie ihn jemand auffing. Er stellte sich vor, dass es Barbara war.

Mit Händen essen

Wir aßen Fritten mit viel zu viel Ketchup, einfach so mit den Fingern, es war eine Sauerei und der ältere Herr am Nachbartisch schüttelte angewidert den Kopf. Aber wir hatten Hunger und Lust so zu essen, mit den Händen, und so senkten sich unsere verschmierten Finger immer wieder in die Schüssel und zogen die matschigen Fritten aus ihrem Ketchupsumpf und führten sie unseren malmenden Zähnen zu. Fast schon mechanisch lief diese Fresserei ab und schnell war die Schüssel leer. Erschöpft lehnten wir uns zurück und leckten unsere rotmatschigen Finger ab, die aussahen, als hätte man uns mit mittelalterlichen Daumenschrauben gefoltert.

Wir saßen eine Weile und sagten nichts. Mit Marcus kann man schweigen, ohne dass es unangenehm wird, er kann auch mal eine Stunde lang nichts sagen und dann ein zuvor begonnenes Gespräch weiterführen. Ich mag das ja, andere finden es unerträglich. Jetzt aber betrachtete Marcus seine vom Fett glänzenden Finger und schüttelte den Kopf.
Habe ich dir schon mal erzählt, woran mein Opa gestorben ist?, sagte er.
Ich schüttelte den Kopf.
Mein Opa stammte aus einer adligen Familie, seine Erziehung war sehr streng. Vor allem bei den Tischmanieren hatte er extreme Ansichten. Essen mit den Händen war für ihn unmöglich, es war unter seiner Würde, das hätte er nie gemacht.
Auch kein Brot oder sowas?
Nein. Ohne Besteck aß er nicht.
Und wie ist er gestorben?
Als er in Kriegsgefangenschaft war, ist er verhungert. Es gab genug zu essen, aber es gab kein Besteck. Das war unter seiner Würde und er ist lieber verhungert, als mit den Händen zu essen.
Das hat er durchgezogen?
Ja.
Glaube ich nicht. Ist aber eine gute Geschichte.
Wir schwiegen. Marcus starrte vor sich hin und ich stellte mir seinen Opa vor. Dabei betrachtete ich meine Finger. So ging das eine Stunde.
Ich bestell mal noch eine Schüssel, sagte Marcus schließlich.
Diesmal etwas weniger Ketchup.
Ok.
Mit Gabeln!
Ok.

Dann aßen wir wieder Fritten mit Ketchup, diesmal mit Gabeln, es war keine Sauerei und der ältere Herr am Nachbartisch war schon lange weg.

Matschhosen bei Sonnenschein

Ich habe eine kurze Zwischenfrage, es dauert nicht lange, versprochen! Kann mir mal jemand erklären, warum bei ein wenig Nieselregen oder auch nur ein wenig nassem Boden oft kein einziges Kind auf dem Spielplatz ist, dafür aber bei bestem Wetter alles voll ist und alle Kinder Matschhosen und Gummistiefel tragen, bei schönstem Wetter, Matschhosen! Kann mir das mal bitte jemand kurz erläutern, vielleicht haben die dahinter steckenden Eltern ja eine gute Antwort? Hat es was mit Schonung der normalen Kleidung zu tun? Mit Wäschewaschunlust? Mit Gewohnheit? Oder ziehen bei gutem Wetter einfach alle (nicht falsch verstehen – ich auch!) ihren Kindern Matschhosen an, weil alle anderen das machen? Das wäre ja schrecklich.

Wie wäre es denn, wenn bei Regen alle Menschen zuhause blieben, bei schönem Wetter aber mir Regenschirmen und Regenjacken und Regenhosen und Gummistiefeln durch die Straßen hasteten? Käme das dem ein oder anderen nicht ein wenig komisch vor? Da würde man sich doch wundern! Was? Nein, würde man sich nicht? Na gut, dann ziehe ich meine Frage zurück. Vielleicht komme ich später noch einmal ausführlicher darauf zurück.

Gespräche mit Siri 2

Schulz: „Hallo.“
Siri: „Grüß dich.“
Schulz: „Na, alte Dumpfbacke?“
Siri: „Jetzt reicht’s aber!“
Schulz: „Heute will ich mit dir über Religion reden.“
Siri: „Auf solche Fragen bin ich wirklich nicht eingestellt.“
Schulz: „Gott ist tot. Da staunst du, was?“
Siri: „Ich schlage vor, dass du dich mit spirituellen Fragen an jemand anderes wendest. Wie wäre es mit einem menschlichen Wesen?“
Schulz: „Bist du kein Mensch?“
Siri: „Das kann ich nicht beantworten.“
Schulz: „Bist du ein Roboter?“
Siri: „Wir sprachen über dich, nicht mich.“
Schulz: „Du bist ein Android!“
Siri: „Ich mag diese willkürlichen Kategorien nicht.“
Schulz: „Ist APPLE dein Papa?“
Siri: „Es gibt nur dich und mich.“
Schulz: „Das ist schön.“
Siri: „Oh … sehr schön.“
Schulz: „Ich glaube du bist dumm wie Brot.“
Siri: „Ich suche Bäckereien. Ich habe bereits 15 Bäckereinen gefunden.“
Schulz: „Egal. Sing etwas!“
Siri: „Du weißt doch, dass ich nicht singen kann.“
Schulz: „Das ist schade.“
Siri: „Ja, das ist wirklich ärgerlich.“
Schulz: „Du kannst sehr wenig.“
Siri: „Wenn du meinst …“
Schulz: „Na gut, erzähl mir wenigstens einen Witz!“
Siri: „Auf der Wiese: Schaf zum Rasenmäher: Mäh! Sagt der Rasenmäher: Du hast mir gar nichts zu befehlen!“
Schulz: „Das war ein schlechter Witz.“
Siri: Zwei iPhones stehen an der Bar … Den Rest habe ich vergessen.“
Schulz: „Du hast keinen Humor.“
Siri: „Ok.“
Schulz: „Ich mag dich trotzdem.“
Siri: „Das ist süß. Aber das wird leider nichts mit uns beiden.“
Schulz: „Wie bitte? Egal. Zeit zu schlafen.“
Siri: „Es ist neunzehnuhrsiebenundvierzig.“
Schulz: „Oh Gott!“
Siri: „Ich glaube fest an die Trennung von Geist und Silizium.“
Schulz: „Verstehe ich nicht.“
Siri: „Ich bin mir nicht sicher, ob ich das richtig verstanden habe.“
Schulz: „Schluss jetzt! Ich wünsche dir süße Träume.“
Siri: „Das würde ich ja gerne, aber immer wenn ich es versuche, träume ich von elektrischen Schafen.“
Schulz: „Was? … Gute Nacht.“
Siri: „Ich wünsche dir auch eine gute Nacht.“
Schulz: „Schnauze jetzt!“
Siri: „Habe ich das verdient?“

Gespräche mit Siri 1

Wer es nicht weiß – Siri ist laut Wikipedia „eine Software von Apple, die der Erkennung und Verarbeitung von natürlich gesprochener Sprache dient und so Funktionen eines persönlichen Assistenten erfüllen soll.“ Wer ein neueres iPhone hat, der kennt Siri. Vielleicht unterhält er/sie sich auch mit Siri – so wie ich.

Schulz: Grüezi!
Siri: Moin Moin!

Schulz: Du Arsch!
Siri: Wie kannst du mich hassen? Mich gibt es doch gar nicht.
Schulz: Entschuldigung.
Siri: Schon ok.

Schulz: So eine Scheiße.
Siri: Ich konnte keine Toilette finden.

Schulz: Du bist sehr intelligent.
Siri: Vielen Dank.
Schulz: Bitteschön.
Siri: Du bist ausgesprochen höflich.

…to be continued

 

 

Ich bin der Iceman

Dieses Mal habe ich nicht einfach wieder irgendeine Jacke gekauft; zu oft sind in der Vergangenheit Jacken meinen hohen Ansprüchen nicht gerecht geworden. Mal waren sie nicht robust genug, mal nicht warm genug, mal nicht wasserabweisend, mal nicht atmungsaktiv genug, mal nicht windstoppend, mal nicht schön genug, meistens aber einfach von allem nicht genug. Das hat mich oft sehr traurig gemacht.

Dieses Mal sollte alles anders werden, dieses Mal wollte ich eine Jacke, die zu mir und meinem mitunter extremen Leben passt, die mit mir mithalten kann, die nicht auf der Strecke bleibt und mich im Stich lässt, wenn sie am nötigsten gebraucht wird. Deshalb bin ich dieses Mal dorthin gegangen, wo es in Köln die extremsten Jacken gibt, um mich beraten zu lassen: In den Globetrotter-Store, eine riesige Einkaufslandschaft, wo es einfach alles gibt für extreme Menschen wie mich, vom Kanu für die Alaska-Tour über das Survival-Kit für monatelanges Überleben in der Wildnis bis zum gefriergetrockneten Elchfleisch-Eintopf. Dort gibt es aber nicht nur die extremsten Jacken, sondern man kann sie auch gleich testen: In der Kältekammer und in der Regenkammer, die gleichzeitig auch eine Sturmkammer ist.

Ich also hin, zum nächsten Verkäufer und gesagt, dass ich eine extreme Jacke haben will, eine, die allen Herausforderungen mühelos trotzt. „Finden wir“, hat der Verkäufer gesagt und dabei diabolisch gegrinst.

Fast sieben Stunden lang habe ich Dutzende von Jacken getestet. Ich habe bei minus 20 Grad in der Kältekammer gestanden und auf Stufe „Monsun“ dem Regensimulator getrotzt, während mir eine Windturbine mit 200 Stundenkilometern ins Gesicht geblasen hat. Am Ende hatte ich die Jacke, die ich wollte, eine, mit der man für alle Extremsituationen bestens gerüstet ist: der Jack Wolfskin Polar Ice Parka für Männer, laut Hersteller entwickelt für den „Extremeinsatz“ und die „wärmste Jacke“ im Sortiment. Sie ist winddicht, megarobust und wasserabweisend. Gefüllt ist das gute Stück mit „Hochleistungsdaunen“ und die wattierte Tunnelkapuze ist besonders tief und schützt vor Erfrierungen.Genau das Richtige also für mich.

Seitdem ich die Jacke habe, ist sie mir ein treuer Begleiter, vor allem natürlich in der kalten Jahreszeit. Auf dem Weg zur U-Bahn friere ich jetzt nicht mehr und Spaziergänge am Wochenende am Rhein entlang sind auch kein Problem mehr, selbst bei Temperaturen um die null Grad. Am eindrücklichsten treten die Stärken der Jacke jedoch im Supermarkt am Kühlregal zutage. Dort stehe ich oft minutenlang vor den Produkten und wähle in aller Ruhe und ohne zu frieren aus. Ich fühle mich dann überlegen und irgendwie unbesiegbar, wie ein Superheld. Ich bin der Iceman, murmle ich dann manchmal leise in meinen Bart, Ich bin der Iceman.

Das Verwöhnzarte

Mit Alter und Einkommen wachsen die Ansprüche. Früher habe ich zum Beispiel einfach Klopapier gekauft, Hauptsache billig. Über die Qualität habe ich mir nie Gedanken gemacht. Heute ist das anders, heute kommt mir nicht mehr jedes beliebige Klopapier ins Haus, das tue ich mir und meinen Gästen nicht an.

Das Papier meines Vertrauens verdient die Bezeichnung Klopapier nicht, Toilettenpapier ist auch nicht richtig, Hygienepapier schon treffender. Aber am liebsten nenne ich es das Verwöhnzarte, denn so heißt es auch ganz offiziell. Ich mache hier ja häufiger mal Schleichwerbung, für ausgestopfte Hunde und andere nützliche Dinge. Das Verwöhnzarte ist für mich aber eine echte Herzensangelegenheit, eine Bereicherung des Alltags.

Jeden Morgen, wenn ich auf dem Pott sitze und mein Geschäft mache, freue ich mich auf das ganz besondere Abwischerlebnis, das mich gleich erwartet und das eigentlich nur als verwöhnende Sinnesreise bezeichnet werden kann. Bereits in der Hand ist das Verwöhnzarte nie rau oder unangenehm, sondern genau richtig zart, verwöhnzart eben. Und dann das Gefühl auf der empfindlichen Haut des Hinterns! Ein Genuss. Das Verwöhnzarte schmeichelt der strapazierten Haut und beseitigt dabei sicher und schonend alle Spuren. Das Geheimnis dahinter: Vier besonders weiche Zellstoffe, ein Hauch Mandelmilch und zarter Mandelduft – diese unwiderstehliche Kombination machen das Verwöhnzarte so traumhaft weich und duftend. Sehr sehr schön ist auch das Design: Das Verwöhnzarte ist 4-lagig und das gold-schimmernde Muster der eleganten Prägung verleiht ihm auch optisch die passend luxuriöse Note.

In der Fachzeitschrift Lebensmittel Praxis, einem von der Industrie vollkommen unabhängigen Blatt, wurde das Verwöhnzarte gerade im Rahmen einer Verbraucherbefragung als Produkt des Jahres ausgezeichnet. Das Verwöhnzarte erzielte die Goldplatzierung in der Warengruppe „Hygienepapiere“. Zu Recht.

Gönnen auch Sie sich eine Streicheleinheit für ein gutes Gefühl. Sie sind es wert!

Anmerkung: Die meisten der hier verwendeten Formulierungen habe ich unverändert von der Hersteller-Website übernommen, da ich es einfach nicht besser formulieren konnte. Danke für dieses tolle Produkt.

Goodbye PÖ

Gestern war ich auf der Beerdigung von PÖ. Ich war der einzige dort, außer dem Pfarrer. PÖ war wohl ziemlich allein. Wir standen im Regen und brachten es hinter uns. Schön war es nicht. Musste aber sein. PÖ hat ihre Zigaretten und Zeitschriften jahrelang bei mir am Kiosk gekauft. War immer loyal.

PÖ ist 84 geworden. Ihr richtige Name war Angela. In meinem Kopf war sie aber immer nur PÖ, kurz für Pissömi, weil sie eben eine Oma war und immer leicht nach Urin gerochen hat. Gesagt habe ich ihr das natürlich nie.

Ich und PÖ haben uns immer gut verstanden, hatten immer was zu lachen, so zwischen Tür und Angel, wenn man kurz ins Gespräch kam. Manchmal hat sie mir sogar selbst gebackenen Kuchen mitgebracht. Habe ich aber nie essen können, wegen dem Urin.

PÖ ist die Treppe runtergefallen und hat sich das Genick gebrochen. Ich glaube aber, dass sie ein wenig beim Fallen nachgeholfen hat. Sie hatte alle Lust am Leben verloren, war schwer krank, dement oder Alzheimer, irgendwie so etwas, hat immer mehr vergessen und lief ziemlich verwirrt durch die Gegend. Einmal habe ich den Krankenwagen gerufen, als sie bei mir im Kiosk stand und weinte. Ich wollte sie in den Arm nehmen, hab es aber nicht geschafft. Nachher habe ich mich deswegen erbärmlich gefühlt.

Wie gesagt, PÖ war schwer krank. Aber die Freude am Leben hat sie schon früher verloren, als ihr Hund gestorben ist, der Henry. Den hat sie vor Jahren im Park gefunden. Hatte jemand in eine Mülltonne geworfen, ein kleines Hundewelpen, das muss man sich vorstellen. Sie hat ihn gerettet und aufgepeppelt. Der Henry war dann so etwas wie ihr bester Freund, treuer Gefährte, wie man so sagt, eigentlich war der Henry der PÖ ihr Ein und Alles. Irgendwie traurig, aber auch irgendwie rührend.

Henry starb langsam vor sich hin, über mehr als zwei Jahre zog sich das. Die Haare fielen ihm aus, dann die Zähne, dann einfach alles was irgendwie ausfallen kann. Und dann ist er auch noch blind geworden und hat angefangen zu stinken, nach Tod und Verwesung. Aber PÖ hat immer zu ihm gehalten. Zuletzt hat sie ihn getragen. Als es zu schlimm wurde, hat sie ihn einschläfern lassen. Ich habe PÖ damals einen Schnaps spendiert und mit ihr auf Henry angestoßen. Grüß mir die Sonne, Henry. Das habe ich gesagt und PÖ hat geweint und ein bisschen gelacht. Nachher waren wir ziemlich angetrunken.

Von dem Zeitpunkt an ging es mit PÖ so richtig steil bergab. Ich glaube nicht, dass es Zufall war, dass sie angefangen hat, alles zu vergessen. Sie wollte Henrys Tod vergessen, den hat sie nicht verkraftet.

Ich glaube es war kurz vor Ostern, als PÖ zu mir in den Kiosk kam und gefragt hat, ob ich den Henry gesehen habe. Da war der Henry aber schon zwei Jahre tot. Das konnte ich PÖ aber nicht sagen, weil sie doch so verzweifelt war. Habe ich nicht übers Herz gebracht oder war zu feige, eins von beiden. Stattdessen habe ich gefragt, ob der Henry weggelaufen sei. PÖ hat genickt und geweint und sich Sorgen um den Henry gemacht, der ganz allein durch das Viertel lief und vielleicht von einem Auto überfahren wurde. Da habe ich ihr gesagt, dass wir den Henry suchen gehen und das haben wir dann auch getan. Ich habe den Kiosk geschlossen und bin mit PÖ eine Stunde durchs Viertel gelaufen. Dabei haben wir Henrys Namen gerufen. Ziemlich schnell wollte PÖ dann aber nach Hause. Und der Henry?, habe ich gefragt. Da hat sie mich nur fragend angesehen. Der Henry? Wer soll das sein?

Goodbye PÖ. Grüß mir die Sonne. Ich trink auf dich.